Fragment vom Plan - Vom Elend einer MethodeKritik an politischen und gesellschaftlichen Strukturen der DDR durch die Überwindung formaler literarischer Strukturen im sechsten Fragment Fragment vom Plan – Vom Elend einer Methode des neunteiligen Fragmentromans Das Land aller Übel von Thomas Körner

von Stephanie Schmitz

Der Fragmentroman Das Land aller Übel von Thomas Körner besteht aus verschiedenen Elementen, wie z.B. Bildern, Collagen, Zitaten, Schautafeln, Texten, Wortinszenierungen, Momentaufnahmen, Beobachtungen, Lesespielen und Versen. Körner konstruiert daraus einen komplexen Raum, in dem sich der Roman durch die Lektüre des Lesers in dessen Kopf entwickelt. Er beinhaltet kein Thema im herkömmlichen Erzählsinn und keine Erzählstränge. (Rüth, Iablis, 2010) Ebensowenig gibt es handelnde Figuren oder einen die Handlung tragenden Helden im Sinne des Semiotikers Jurij M. Lotman.

Körners Fragmentroman unterwirft sich nicht den üblichen Romankategorien. (Schödlbauer, Iablis, 2013) Neben seinem ursprünglichen Aufbau strukturiert als Karteikartensystem ist der Fragmentroman durch seine Veröffentlichung im Internet und damit im virtuellen Raum einer interessierten Leserschaft zugänglich. (Körner, Iablis, 2009)

Fragment vom Plan

Körner bezeichnet den Text Fragment vom Plan als »Fiktives Fragment« und »unausführbaren Teil des Ganzen«. Was der Autor zu Beginn seiner Arbeit als unausführbar ansah, kann dem Leser zu Beginn seiner Lektüre als unlesbar erscheinen. Das Fragment vom Plan liegt nicht in gedruckter Form als Buch, sondern als digitaler Medientext im Internet vor, dessen einzelne Seiten mittels Hyperlinks miteinander verbunden sind. (Körner, 1982) Ebenso ist das Fragment vom Plan mit den übrigen acht Fragmenten des Fragmentromans verbunden. Einzig das dritte Fragment ist als Fragment von der Weltanschauung mit dem Titel Das Grab des Novalis auch als Buch erschienen. Der digitale Medientext besteht bis auf die erste und die letzte Seite aus einer lückenlosen Aneinanderreihung von Zeichen. Sprache als ein System von Zeichen lässt sich in Bezug auf ihre »Zeichenhaftigkeit« analysieren. Um ein Zeichen als solches wahrnehmen zu können, muss es von anderen Zeichen zu trennen sein. Das bedeutet, dass ein Zeichen nur dann eine wahrnehmbare Bedeutung haben kann, wenn es von anderen Zeichen abgegrenzt werden kann. Die präsemiotische Voraussetzung für das Erkennen eines Zeichens ist seine Identifizierbarkeit und seine Separierbarkeit. (Toth, 2008, S. 55-56) Die Verwendung von Zeichen erfolgt nach festgelegten, verbindlichen und allgemeingültigen Regeln. Die Erzeugung von Bedeutung entsteht durch die Kodierung in Zeichen, das Verstehen der Bedeutung erfolgt durch die Dekodierung der Zeichen. (Staszak, 2012, S. 19-20)

Da der Text Fragment vom Plan von Körner auf 231 von 234 Seiten aus nicht separierten Zeichen besteht, besitzen diese zunächst einmal keine wahrnehmbare Bedeutung. Diese können erst dann eine wahrnehmbare Bedeutung erlangen, wenn sie von den anderen Zeichen getrennt werden und zu bedeutungsvollen Zeichengruppen zusammengefasst werden. Um dem Körner-Text eine Bedeutung entnehmen zu können, ist eine Dekodierung der Zeichen durch ihre Separierung in sinnhafte Zeichen-Gruppen zwingend erforderlich.

Nach Lotman setzt literarische Kommunikation ein gemeinsames Regelwissen von Autor und Leser voraus. (Hess-Lüttich, 2007, S. 307-309) Der venezolanische Sprachwissenschaftler Alexander Mosquera beschreibt in La semiótica de Lotman como teoría del conocimiento, dass ein einheitliches Text-Verständnis eine symmetrische Kodierung und Dekodierung des Textes erfordert. Gemeinsames Regelwissen entsteht z.B. durch eine vergleichbare Sozialisierung. (Mosquera, 2009, S. 63-78) Ungleiches Regelwissen kann Code-Differenzen erzeugen, welche zu einem unterschiedlichen Textverständnis führen können. (Hess-Lüttich, 2007, S. 307-309) Körner wurde in der DDR sozialisiert. Leser, welche ebenfalls in der DDR aufgewachsen sind und das Fragment vom Plan aus diesem Kontext heraus dekodieren, entwickeln somit ein anderes Textverständnis als Leser, die dieses Regelwissen nicht teilen.

Körner beschreibt in seinem Hagener Vortrag vom 01. März 2008 Aushängeschild oder Bekanntmachung? Utopie Satyre Paradies die Ausgangssituation seines Fragmentromans. Der Ausdruck »Real existierender Sozialismus« beinhaltet nach Körner den Übergang von Satire zu Ironie. Die »Selbstverwirklichung des Sozialismus« wird bei ihm zur »Selbstverwirkung des Sozialismus«. Dabei formuliert er als »Dialektik der Dummheit«: These sei »Das Land der Dichter und Denker«, Antithese sei »Der Arbeiter- und Bauernstaat«, Synthese sei »Das Land aller Übel«. Die Ideologie des Sozialismus wird bei Körner zur Utopie. Die Utopie setzt er mit dem Paradies gleich und aus diesem Vergleich heraus konstruiert er neun Merkmale des Paradieses, nach denen er den Fragmentroman aufgebaut hat: Die Pforte als das Fragment vom Wort, ein großer Garten als das Fragment vom Buch, Engel 1 als das Fragment von der Weltanschauung, Engel 2 als das Fragment von der Arbeit, der Teufel als das Fragment vom Mensch, Gott als das Fragment vom Plan, Geschöpfe als das Fragment vom Volk, Gebote als das Fragment vom Staat und ein Paar / ein Baum als das Fragment von der Flucht.

Das sechste Fragment Fragment vom Plan wird von Körner als das göttliche Merkmal des Paradieses dargestellt. Nachdem die Gleichsetzung der Utopie des Sozialismus mit dem Paradies als Ironie gewertet werden kann, kann das Fragment vom Plan als Versuch angesehen werden, die Unfehlbarkeit (Göttlichkeit) des sozialistischen Plans zu entlarven. Der Plan, von dem das Fragment vom Plan handelt, ist der Plan, den Sozialismus als gerechte und erfolgreich funktionierende Staatsform umzusetzen.

Körner entlarvt in seinem Text den Parteiapparat der DDR und benennt Mißstände, deren offene Darstellung zu Freiheitsentzug führen konnten. Die Codierung seines Textes kann in der Intention gesehen werden, die Struktur des sozialistischen Systems bloßzustellen und den Leser herauszufordern, die Dekodierung seines Textes als analytischen Akt zu vollziehen. Erst durch die Dekodierung erhält das Fragment vom Plan seine Bedeutung.

Struktur und Text

Bei der Strukturanalyse der Textebene lässt sich lediglich die erste Subebene, die Beziehung der grafischen Zeichen untereinander betrachten, da Klang, Rhytmik, Metrik, Grammatik und Semantik in ihrer gängigen Ausprägung hier nicht berücksichtigt wurden. (Fischer, Iablis, 2014) Die sprachlichen Zeichen, die Buchstaben bilden eine grafische Makrostruktur, die man als »Zeichen-Fläche« bezeichnen kann. Es gibt keine Satzzeichen, Lücken oder Absätze. Der Hintergrund des Textes ist schwarz, die Farbe der Buchstaben weiß, er ist auf sechs Zeilen verteilt, wobei die erste Zeile eingerückt und die letzte Zeile das Zeilenende nicht erreicht sowie in der Mitte der Seite zentriert ist. Bis auf die Anzahl der Zeilen treffen alle diese Merkmale auch auf die anderen Seiten des Fragment vom Plan zu. Lediglich die erste und die letzte Seite haben einen nach Wörtern strukturierten Text mit schwarzen Buchstaben auf hellem Hintergund. Es handelt sich hier also auf der Textebene um eine grafische Flächenstruktur, der zunächst keine Zeichengruppierungen von Bedeutung entnommen werden können.

Um die Struktur des Darstellungsebene zu untersuchen ist es erforderlich, die Struktur der literarischen Konfigurationen zu ermitteln. Fraglich ist, welcher literarischen Gattung das Fragment vom Plan angehört. Körner bezeichnet seinen Fragmentroman als Roman, wobei er keine Geschichte erzählt. Im Fragment vom Plan gibt es einen Ich-Erzähler im weitesten Sinne, dieser tritt jedoch nicht in narrativer Funktion sondern in analysierender Funktion auf. (Rüth, Iablis, 2010) Ebensowenig stellt der Text eine Handlung dar. Im Fragment vom Plan wird zwar eine Situation dargestellt, diese besteht jedoch aus einer subjektiven Darstellung und beinhaltet kein Ereignis. Es handelt sich dabei eher um eine subjektive Zustandsbeschreibung. Die Struktur der Darstellungsebene des Fragments vom Plan lässt sich demnach nicht in ein herkömmliches Gattungsraster einordnen. Nähern wir uns also dem Fragment vom Plan über die Bedeutungsebene. Die Bedeutung eines Textes wird bedingt durch den Text selbst und seine Lektüre. Das heißt, dass die Bedeutung im Dekodierungs-Prozess des Lesens eines Textes entsteht. Dies beinhaltet, dass durch unterschiedliche Arten der Dekodierung unterschiedliche Text-Bedeutungen entstehen können. (Staszak, 2012, S. 68-69) Die Bedeutung des Fragment vom Plan lässt sich ermitteln, indem man dessen Thema beleuchtet.

Das Thema ist die Utopie des Sozialismus in der DDR. Es stellt sich die Frage, inwiefern die Struktur der Textebene sich auf das Bedeutungspotential des Textes auswirkt. (Staszak, 2012, S. 99-100) Man kann jedoch noch einen Schritt zurück gehen und fragen, was es bedeutet, wenn die bekannten Strukturen außer Kraft gesetzt werden. Die flächenartige Text-Struktur des Fragment vom Plan überwindet gängige Strukturmuster, die Art des Textes ist einzigartig. Daher lässt sich der Text nicht eindeutig einer Textgattung zuordnen. Er erweitert somit das Feld der Textgattungen. Das wirkt sich auf das Bedeutungspotential des Textes aus, in dem die Bedeutung des Textes bereits in der Überwindung bisher bekannter Strukturen liegt. Dabei stiftet Körner die Bedeutung nicht, sondern erwartet vom Leser durch dessen Akt des Ensemblierens, d.h. durch das bewusste, konzentrierte Buchstabe-für-Buchstabe- und Wort-für-Wort-Lesen, eine Aufdeckung der Bedeutung. (Schödlbauer, Iablis, 2013)

Für Körner handelt es sich bei der optimalen Methode des Lesens um grammatikloses, sprachloses Lesen, welches Buchstabieren und Wort-für-Wort- Lesen beinhaltet, in dem sich das zu Lesende während des Lesens verändert. Aktiv mitwirkendes Lesen beinhalte auch, wie lange das zu Lesende lesbar bleibt. Die Art des Lesens werde abhängig von der Dauer, sowie von der Beobachtbarkeit und Sichtbarkeit des Erzähl- und Lesegegenstands im Sprachzeichen-Raum. Nach Körner ist die optimale Methode des Lesens »WORTWÄRTS«.

Die optimale Methode des Schreibens bezeichnet Körner als eine existentielle Definition des Schreibens, welche eine methodisch wie thematisch vorausschauende theoretische Literatur beinhalte. Seiner Ansicht nach ist die optimale Methode des deklarativen und prozeduralen Schreibens »SPRACHWÄRTS«.

Das optimale Buch konstruieren die Leser nach Körner durch ihre Relationen untereinander zu einem neuen sozialen Konzept, dem medialen Buch. Die Leser erweitern dieses, in dem sie die Vorgaben des Autors aufnehmen und weiterentwickeln. Dabei sind Bücher nach Körner mehr als die Summe der sie umgebenden oder hervorbringenden Kontexte und Systeme. Er definiert das Buch als Raum als geistige Alternative zum Staat. Das optimale Buch liest sich nach Körners »DENKWÄRTS«.

Er stellt die Frage nach der Sprache und ihrer optimalen Verwendung. Für ihn bedeutet die Antwort aus konstruktivistischer Sicht, dass die Gedanken bereits ein sozial geprägtes Codesystem darstellen, dass durch die Sprache übertragen wird. Daran schließt sich seine Frage an, ob kritischer Gedankentransport zu »Denkausdruck«, d.h. durch Gedankenvermittlung zum kritischen Ausdruck der eigenen Gedanken duch andere führen kann. Die Antwort Körners nach der optimalen Verwendung der Sprache lautet »GEISTWÄRTS« (Körner, Iablis, 2008) Im ersten Kasten des Fragement vom Buch beschreibt Körner das optimale Lesen als Tätigkeit, welche sich in Arbeitseinheiten (AE) des Lesens als Ritus durch die Auslegung des Geschriebenen vollzieht. (Körner, 2011, S. 2010052) Dabei legt er Wert darauf, nicht ungenau, flüchtig und undifferenziert zu lesen. Für das bewusste, konzentrierte Buchstabe-für-Buchstabe- und Wort-für-Wort-Lesen bedient er sich des Begriffs des Ensemblierens. (Körner, 2011, S. 2010053) Er erfasst Lesen als körperliche und geistige Tätigkeit und setzt es in Beziehung zum Gelesenen. In dem er Räume schafft, in denen der Leser an seinem medialen Buch mitwirken kann, wird der Leser selbst zum Schreibenden. (Körner, 2011, S. 2010054) Körner verfolgt mit seinem Ansatz auch die Schulung des Lesers mittels Leseanleitung, um im Prozess des Lesens einen Prozess der Selbsterkenntnis zu erreichen. (Körner, 2011, S. 2010055) Wobei man insbesondere im Fragment vom Plan auch von einer Lese-Erzwingung des Lesers sprechen kann, da diesem in der Auseinandersetzung mit dem Text keine andere Wahl bleibt, als diesen Buchstabe für Buchstabe und Wort für Wort zu lesen. Körner erreicht damit, dass der Leser während des Leseprozesses Erfahrungen über das Lesen vom Gelesenen sammelt und beeinflusst dessen Lesegewohnheiten ebenso wie die Art und Geschwindigkeit seines Lesens. (Körner, 2011, S. 2010056) Körner definiert den Begriff des Ensemblierens als Bildung von Schaltpunkten oder Ordnungen, welche zueinander ins Verhältnis gesetzt werden, sodass Embleme entstehen. Die Lesbarkeit eines Textes definiert er als das, was dem Leser hilft, das Lesen zu befördern und zu einer produktiven Tätigkeit zu machen. Dabei beschränkt er sich nicht auf das optisch gewohnte Schriftbild. (Körner, 2011, S. 2010058b)

Diese Anforderungen an das Lesen und das Schreiben, an die Sprache und das Buch setzt Körner mit seinem Fragmentroman und im Fragment vom Plan um. Im sechsten Fragment, dem Fragment vom Plan gibt es drei Personen, einen Erzähler, d.h. einen Ich-Erzähler im weitesten Sinn, ein »Du«, d.h. einen Adressaten sowie eine dritte Person, ein »Ihm«. Das Fragment beginnt mit einem persönlichen Brief, dieser enthält die Anrede »Geliebte e« und endet mit »(...) küsse mich« und der Unterzeichnung »a«. (Körner, 2011, S. 6000ii) 232 Seiten später endet das Fragment mit einem handschriftlichen Vermerk von »e«. (Körner, 2011, http://daslandalleruebel.actalitterarum.de/6/texte/ps.html)

Der Erzähler erzählt jedoch nicht im narrativen Sinn. (Schödlbauer, Iablis, 2013) Ausgangspunkt für den Beginn des Fragmentromans im Jahr 1968 war das Ziel Körners, ›das neue Buch‹ zu erschaffen, welches eine ›neue Art des Lesens‹ erfordert und dabei zum Raum wird. Die Darstellungsweise der Netzedition kommt diesem ursprünglichen Buch-Raum-Gedanken sehr nah. Es ist nicht physisch begehbar, sondern virtuell. Damit bedient er sich des Gegenteils eines linearen Erzählstils. (Rüth, Iablis, 2010)

Mit dem Fragmentroman forderte Körner die literarische Zensur in der DDR durch Analysieren und Entlarven der gesellschaftlichen, staatlichen und politischen Strukturen heraus. Indem er die Buch-Form mit seinem Fragmentroman überwand und neue Formen ausprobierte stellte er schon eine Gefahr für die Ideologie des Sozialismus und ihre gesellschaftliche Bewahrung dar. Wer an literarischen Strukturen rüttelte, der konnte nach Lesart der Partei auch an politischen Strukturen rütteln und auch diese im Zweifel niederreißen. Da brauchte es aus Sicht der SED noch nicht einmal eine inhaltliche Kritik, um die Grenzen der Zensurpolitik und damit die klassifikatorischen Grenzen Lotmans zu überschreiten.

Körner schrieb nicht gegen das System der DDR, sondern innerhalb dessen und mit ihm. Wie er selbst sinngemäß in »Ein Fluchtversuch« beschreibt, wollte oder musste er das System auf den Prüfstand stellen, um sozusagen die Bestätigung zu erhalten, dass die Ideologie des Sozialismus und deren Umsetzung in der DDR seinen Zweifeln stand hielt. In diesem Fall hätte er das System weder anzuprangern noch sich mit Fluchtgedanken auseinanderzusetzen müssen. Das System hielt jedoch nicht das, was es versprach. So begann der Fragementroman im Jahr 1968 und 1979 erfolgte Körners Flucht aus der DDR. (Körner, Iablis, 2009) Mit der Erstellung des Fragment vom Plan begann er im Jahr 1982. (Schödlbauer, Iablis, 2013)

Kultursemiotik und Kontext

Die Begriffe Formalismus, Strukturalismus und Semiotik waren seit den 1960er Jahren im innersozialistischen Raum negativ besetzt. Die sie bezeichnenden methodischen Wissenschaftsansätze wurden als subversiv angesehen. Das führte im Ost-Berliner Institut für Gesellschaftswissenschaften beim Zentralkomittee (ZK) der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) zu der Frage, ob die Beschäftigung damit politisch geeignet und das Erscheinen des Bandes mit Lotman- Aufsätzen Kunst als Sprache kulturpolitisch vertretbar sei. Die Furcht vor Strukturalismus und Semiotik in der realsozialistischen Wissenschaft gründete neben dem Formalismusstreit auf der aus sozialistischer Sicht bestehenden Eigenschaft des Strukturalismus, sich nicht auf die Semantiken der symbolischen Ordnung zu beschränken, die die funktionierende Basis des ideologischen Aufbaus darstellt. Der Strukturalismus analysiert auch die dem Sprachgebrauch zugrunde liegende Grammatik. Die Grammatik enthüllt das Regelwerk, nach dem sowohl der Text der Sprache als auch im Lotmanschen Sinne der Text der Kultur operiert. Gegenstand der Analyse ist dabei nicht die Aussage selbst, sondern das sie steuernde Regelwerk. (Ebert, 2002)

Formalismusstreit

Der russische Formalismus und die in seinem Namen geführte Debatte griff auch auf andere Länder über. In die DDR gelangte der Formalismusstreit in den 1970er Jahren. (Fieguth, 2007, S. 615-617) Der Formalismus war in der DDR sehr umstritten. Verlangt wurde die Bedeutung von Idee und Inhalt eines Werkes, die Form sollte dagegen keine eigene Aussagekraft besitzen. Der sozialistische Realismus stellte das Idealbild für die Kunst der DDR dar. Zentrale Darstellung war das sozialistische Menschenbild, ideologischer Mittelpunkt war die Glorifizierung des »positiven Helden«. Die Überlegenheit des sozialistischen Systems, die zentrale Rolle der SED und ihre Politik durften nicht in Frage gestellt werden. (Pettinen, 2014, S. 16-20) Sozialistische Schriftsteller sollten Konformität mit dem System zeigen. (Bogdal, 2004, S. 123-148)

Literarische Zensur

Auf den Prager Frühling reagierten die Machthaber durch eine weitere Verschärfung der Zensur. Viele Autoren waren sich dessen bewusst, dass ihre Werke nie veröffentlicht würden. (Buchholz, 2013, S. 165-187)

Körners Werk hatte keine Chance, veröffentlicht zu werden, da er die offiziellen Sprachcodes der DDR-Sprache kritisch in Frage stellte. Viele Menschen verloren mit der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 ihren Glauben an eine freie sozialistische Gesellschaft. Systemkritisch eingestellte und dabei sozialistisch denkende Bürger der DDR hatten gehofft, dass die Sowjetunion den Prager Frühling tolerieren werde. Ihre Hoffnungen ruhten nicht nur auf einer allmählichen Veränderung der DDR-Politik, sondern auch darauf, dass der Sozialismus als freiheitliche und lebbare Gesellschaftsordnung funktionieren könne. (Augstein, 2010) In dieser Phase begann Körner mit seinem Fragmentroman und darin mit dem ersten Fragment, dem Fragment vom Wort über die Sprachanstalt DDR. Die nicht veröffentlichten literarischen Entwürfe, die ein anderes Bild von Staat und Gesellschaft als das offiziell propagierte wiedergaben, gelangten auch nach 1989 kaum an die Öffentlichkeit.

Erst im Rahmen der »Verschwiegenen Bibliothek« erschien in der Edition Büchergilde bis dahin unveröffentlichte DDR-Literatur. Als sechster Band, der in der »Verschwiegenen Bibliothek« veröffentlicht wurde, erschien 2007 »Das Grab des Novalis«, das dritte Fragment von Körners Das Land aller Übel. (Körner, 2007)

Zusammenfassung

Es wurde eine Erläuterung von Kodierung und Dekodierung zur Erzeugung von Bedeutung und ihre Auswirkung auf das Textverständnis vorgenommen und dargestellt, dass eine Kommunikation zwischen Autor und Leser nur dann erfolgen kann, wenn der Leser bei der Dekodierung des Körner-Textes eine Separierung der Zeichen vornimmt um dem Text Bedeutung entnehmen zu können. Der Akt des sog. Ensemblierens ist vom Autor beabsichtigt um mit einer konzentrierten Form des Lesens eine neue Form des Lesens vom Leser einzufordern. Mit der Konstruktion des Textes als Zeichenfläche will der Autor eine neue Form des Schreibens hervorbringen. Die Idee Körners ist es, mit seinem Fragementroman »Das Land aller Übel« eine neue Form des Buches zu kreieren, indem er das Buch als architektonisch begehbaren Raum erschaffen will. Mit der Netzedition ist es gelungen, einen virtuell begehbaren Raum herzustellen.

Das Fragment vom Plan entzieht sich der Zuordnung zu einer gängigen Textgattung und bringt durch die Überwindung herkömmlicher literarischer Strukturen die Bedeutung des Textes hervor. Durch das Infragestellen der formalen literarischen Strukturen wurden die politischen und gesellschaftlichen Strukturen des sozialistischen Systems der DDR in Frage gestellt.

 

Literatur:

  • Augstein, Franziska: 40 Jahre Prager Frühling - Treffpunkt Prag. 17. Mai 2010. In: Süddeutsche Zeitung. URL: http://www.sueddeutsche.de/politik/jahre-prager-fruehling- treffpunkt-prag-1.701265 (23.08.2014)
  • Bogdal, Klaus-Michael: Alles nach Plan, alles im Griff. Der diskursive Raum der DDR-Literatur in den Fünfziger Jahren. In: Soziale Räume und kulturelle Praktiken. Über den strategischen Gebrauch von Medien. Hg. v. Georg Mein und Markus Rieger-Ladich. Bielefeld: transcript Verlag. 2004, S.123 – 148
  • Buchholz, Matthias: Von der Ohnmacht unterdrückter Autorinnen und Autoren und der retrospektiven Macht der Archive. Das Archiv unterdrückter Literatur in der DDR. In: Wie mächtig sind Archive? Perspektiven der Archivwissenschaft. Hg. v. Rainer Hering und Dietmar Schenk. Hamburg: Hamburg University Press, Verlag der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg Carl von Ossietzky. 2013, S. 165–187
  • Ebert, Christa: Kultursemiotik am Scheideweg. Leistungen und Grenzen des dualistischen Kulturmodells von Lotman / Uspenskij. In: Forum für osteuropäische Idee- und Zeitgeschichte. Kulturmodelle und Kulturkonstanten in der russischen Geschichte und Gegenwart. 6. Jahrgang (2002) Heft 2. Hg. v. Nikolaus Lobkowicz, Leonid Luks, Donal O’Sullivan und Alexei Rybakov. Böhlau Verlag Köln, Köln 2002
  • Fieguth, Rolf: Formalismus. In: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Hg. v. Jan- Dirk Müller. Bd. 3. Berlin: Walter de Gruyter GmbH & Co. KG. 2007, S. 615 – 619
  • Fischer, Ute: Ideologie – Staat im Internet. Stilmittel 2: Die Poetik Körners. In: Iablis. Jahrbuch für europäische Prozesse. 2014. URL: https://www.ssl- id.de/dkp.iablis.de/index.php/beschreibung-einer-form/113-stilmittel-2-die-poetik-koerners (01.09.2014)
  • Hess-Lüttich, Ernest W. B.: Code. In: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Hg. v. Jan-Dirk Müller. Bd. 3. Berlin: Walter de Gruyter GmbH & Co. KG. 2007, S. 307 – 309 Seite 9 von 10
  • Körner, Thomas: Das Grab des Novalis. In: Die verschwiegene Bibliothek in der Edition Büchergilde. Hg. v. Ines Geipel und Joachim Walther. Frankfurt am Main: Büchergilde Gutenberg. 2007
  • Körner, Thomas: Das Land aller Übel. In: Iablis. Jahrbuch für europäische Prozesse. 2009 URL: https://daslandalleruebel.iablis.de/index.html (11.02.2018)
  • Körner, Thomas: Das Land aller Übel. Fragment vom Buch. In: Iablis. Jahrbuch für europäische Prozesse. 2011 URL: http://daslandalleruebel.iablis.de/2/texte/2010001.html#f2010052 ff. (10.04.2016)
  • Körner, Thomas: Das Land aller Übel. Fragment vom Plan. In: Iablis. Jahrbuch für europäische Prozesse. 2011 URL: http://daslandalleruebel.iablis.de/6/texte/6000i.html (10.04.2016)
  • Körner, Thomas: Ein Fluchtversuch. In: Iablis. Jahrbuch für europäische Prozesse. 2009. URL: http://www.iablis.de/iablis_t/2009/koernerflucht09.html (12.05.2016)
  • Körner, Thomas: I.C.H. oder Das Große Verzeichnis der Geheimnisse. In: Iablis. Jahrbuch für europäische Prozesse. 2008. URL: http://www.iablis.de/iablis_t/2008/koerner08.html (12.05.2016)
  • Mosquera, Alexander: La semiótica de Lotman como teoría del conocimiento. En: Enl@ce: Revista Venezolana de Información, Tecnología y Conocimiento. Año 6: No. 3. Zulia, Venezuela. 2009, S. 63-78. URL: http://www.scielo.org.ve/pdf/enl/v6n3/art05.pdf (12.05.2016)
  • Pettinen, Saara: Zum Literaturbetrieb in der DDR - Die Schriftsteller zwischen Überwachung, Klassenkampf und Förderung. Eine Beispielanalyse des Literaturzentrums Neubrandenburg. Masterarbeit im Fachbereich Sprach-, Translations- und Literaturwissenschaften. Deutsche Sprache und Kultur. Universität Tampere, Finnland. 2014, S. 16 – 20. URL: http://tampub.uta.fi/bitstream/handle/10024/95778/GRADU- 1403519576.pdf?sequence=1 (12.05.2016)
  • Rüth, Gabi: Die Kästen des Herrn K. (K)eine Handreichung zu Thomas Körners Fragment vom Buch. In: Iablis. Jahrbuch für europäische Prozesse. URL: http://www.iablis.de/iablis_t/2010/rueth10.html (12.05.2016)
  • Schödlbauer, Ulrich: Zeittafel. In: Iablis. Jahrbuch für europäische Prozesse. 2013. URL: http://dkp.iablis.de/index.php/zeittafel (10.04.2016)
  • Staszak, Heinz-Jürgen: Positionen der Literaturtheorie: Strukturalismus und Dekonstruktion. Hagen: 2012. FernUniversität in Hagen.
  • Toth, Alfred: Semiotische Strukturen und Prozesse. In: Klagenfurter Beiträge zur Technikdiskussion. Heft 121. Hg. v. Arno Bammé, Peter Baumgartner, Wilhelm Berger u. Ernst Kotzmann. Klagenfurt 2008, S. 55-56