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Inhalt

Thomas Körners 'Fragment vom Wort. DDR - eine Sprachanstalt'

von Melanie Nagel, Paul-Gerhard Schwidurski, Susanne Sonnleitner, Johannes Andreas Maximilian Späth, Catharina Stettin

Das 50 Einzeltitel umfassende Fragment vom Wort ist vielgestaltig, facettenreich und komplex. Inhalt und Form, graphisch wie schriftbildlich, variieren stark und brechen mit jeder Leseerwartung. Sie bestehen jeweils aus einem ersten/ oberen/ vorderen Teil, der einem Fundstück gleicht und mal Collage, Zeichnung, Photographie, Text-Bild oder Bild-Text sein kann. Der zweite/ untere/ hintere, rein schrifttextliche Teil enthält eine Überschrift, häufig realgeographische Ortsangaben und ergänzende Inhalte.

 Allen Karteikarten gemein ist darüber hinaus, dass jeweils das Wort im Fokus steht und als Indiz fungieren kann, das Arrangement, das das Wort umgibt, zu entschlüsseln, zu brechen, zu komplettieren, in einen Sinnzusammenhang zu setzen. Das Wort kommt in Gestalt von Signifikant oder Signifikat, Täter oder Opfer, Formel, Synonym, Attribut oder Chiffre. Gleichzeitig kann das Wort im Ganzen des Fragmentromans als vielleicht das Grundlegende, Essentielle gelten. Als komplexe schriftsprachliche Basis, aus derer Elemente die vielleicht noch komplexeren weiteren Fragmente ihre Substanz ziehen und auf die sie rekurrieren.

Die DDR als Sprachanstalt zu begreifen kann (mindestens) zweierlei bedeuten: Sie als eine Institution zu fassen, die Worten Quartier gibt insofern sie sich objektiver Worte dienlich macht und sie subjektiviert. In Form eines ritualisierten Repetierens von Worten setzt sich eine Institutionalisierung in Kraft, durch welche sich die DDR identifiziert und definiert. Oder zweitens: Als Wortindustrie, deren Wortneuschöpfungen noch bis ins Jetzt hineinragen.

Wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, die politischen, historischen, gesellschaftlichen, geographischen, kulturellen u.a. Hintergründe aufzuspüren, von denen jeweils die Karteikarteninhalte handeln (könnten). In detektivischer Manier versuchen wir Informationen aufzuspüren, die der möglichen Lesart der Karteien zuträglich sein könnten – gleichwohl wir jeweils bloß mögliche Varianten offerieren und keinesfalls interpretatorische Allgemeingültigkeit beanspruchen wollen.

Unsere Herangehensweisen variieren dabei vermutlich ebenso stark wie die Inhalte der jeweiligen Karte: Für mich (Melanie) fungiert die Rückseite als Anker der Vorderseite, welcher für sich genommen zunächst alles oder nichts bedeuten könnte. Erst durch die Ergänzung / Erweiterung um die Rückseite erfährt die vordere eine Kontextualisierung und Konkretisierung und erst durch die rückseitigen Informationen entwickelt sich je nach Karteikarte für mich die Idee einer möglichen Leseweise der vorderen. Catharina lässt zunächst den Bildteil auf sich wirken und widmet sich anschließend separat dem Textteil. Dadurch vermeidet sie, in präformierter Bahn zu denken und ermöglicht eine differenzierte, uneingeschränkte gedankliche Herangehensweise an die Inhalte.

Anhand der gegebenen Informationenbruchstücke haben wir einerseits versucht, jene sachlichen Lücken zu schließen, die sich all jenen Lesern auftun, welche die DDR nicht aus erster Hand und am eigenen Geist und Leib erfahren haben. Gleichzeitig haben wir uns bemüht, Kraft unseres Assoziations- und Abstraktionsvermögens die Brücke zwischen Geschriebenem und Gemeintem zu schlagen.

Die folgenden Beiträge sind chronologisch ihrem Auftreten im Fragment vom Wort nach geordnet und jeweils in Eigenregie verfasst worden. Eine Verknüpfung der Inhalte respektive der Ergebnisse des Vorhabens ist in einem abschließenden Schlussteil angedacht. Ergänzungen, Erweiterungen, Kommentare und Kritiken sind ausdrücklich erwünscht.

(Catharina Stettin, Melanie Nagel)


Zum Thema (1)

Bei der Betrachtung von Thomas Körners Fragment vom Wort sollen ausgehend von seinem Inhaltsverzeichnis einige Punkte näher untersuchtwerden. Insbesondere soll auch auf politische und historische Hintergründe eingegangen werden. Die Auswahl lediglich bestimmter Aspekte bedeutet aber selbstverständlich nicht, dass im Rahmen dieser relativ kurzen Betrachtung nicht behandelte Aspekte keine nähere Untersuchung verdient hätten! Auch wird im Hinblick auf die Interpretation kein Alleinanspruch erhoben – es mag da durchaus andere Sichtweisen geben...

(Paul-Gerhard Schwidurski)


Zum Thema (2)

Je nach Erfahrungshintergrund, Weltanschauung, Assoziationsvermögen etc. des Betrachters können Interpretationen von Körners Fragment vom Wort in durchaus unterschiedliche Richtungen gehen. Sofern sich dabei keine totale Abweichung vom (vom Verfasser Thomas Körner) gemeinten Sinn ergibt, können solcherlei verschiedene Auslegungen durchaus diskussionsfördernd und bereichernd sein.

(Paul-Gerhard Schwidurski)


Fragment vom Wort / 1 NEUE ZEIT

Die NEUE ZEIT war während des Bestehens der DDR eine auflagenstarke Tageszeitung der Ost-CDU, die zweifelsohne zensiert wurde und propagandistischen Zwecken diente.

Die Silhouette, von der Körner spricht, wird wohl auf einen Gebäudekomplex bezogen sein, dessen Errichtung 1969 beschlossen worden ist (Investitionskomplex Leipziger Straße). Obwohl das sozialistische Stadtzentrum ursprünglich um den Alexanderplatz herum arrangiert und die Randzonen entlang der Mauer aus dem Bewusstsein der DDR-Bürger verdrängt werden sollten, wurde der Komplex inklusive eines 30-stöckigen Hochhauses dennoch dort, im Zonenrandgebiet, errichtet. Das ehemalige ‚niemandsland entlang der mauer zwischen leipziger straße und pariser platz‘ wurde zu einem bevorzugten Wohngebiet mit Geschäften und einer Rekonstruktion der im Krieg zerstörten Spittelkolonnaden.

Parteipolitisches Ziel dieser Baumaßnahme ist die Unkenntlichmachung der Nachrichtenleuchtreklame am Dach des Hauptgebäudes der GSW (Gemeinnützigen Siedlungs- und Wohnungsbaugesellschaft) und die Sichtverdeckung auf das Axel-Springer-Verlagsgebäude in Westberlin gewesen: DDR-Bürger sollten keine Möglichkeit bekommen, die als Provokation verstandenen West-Presse-Meldungen zu lesen. Dass Springer damit nichts zu tun hatte, sondern der Westberliner Senat, verdeutlicht die starke Fixierung auf das Feindbild Axel Springer und damit sinnbildlich auf die westdeutsche Presse.

Körners Collagen-Silhouette aus dem Zeitungstitel NEUE ZEIT (stellvertretend für die gesamte Ostpresse?) ironisiert und plakatiert die versuchte (Ver)Blendung durch das Regime:

Hauseigene Erzeugnisse des DDR-Journalismus werden den westlichen nicht bloß gegenübergestellt, letztere werden kategorisch ausgeblendet. Stattdessen werden eigene Wahrheiten produziert, mögliche Korrektive abgeblockt.

Die NEUE ZEIT-Collage wirkt massiv und unumstößlich, jenseits nur Schwarz. Als ob sie keine andere Wahrheit zuließe. Im stumpfen Errichten eines massiven Sichtschutzes, der jegliche Existenz jenseits der Mauer abblockt und ausblendet, spiegelt sich der Mauerbau selbst – ob nun als Bankrotterklärung oder logische Konsequenz kommunistischer Staatsbildung verstanden: Das Feindliche wird ausgeschlossen, das Eigene als das einzig Wahre kommuniziert.

(Melanie Nagel)


Fragment vom Wort / 2 ANERKENNUNG

Die DDR erstrebte bekanntermaßen die internationale Anerkennung als eigener Staat (entgegen dem dazu im Widersrpuch stehenden Alleinvertretungsanspruch der BRD). Natürlich wurde dieser Anspruch nicht „stündlich“ „von düsenjägern in den wind geschrieben mit farbigem rauch schwarz rot und gold im blauen dunst des hauptstadthimmels“. Niemand in der DDR hatte ernsthaft die Absicht, den Anspruch auf internationale Anerkennung auf solch groteske Weise zu untermauern. Auch wenn dieser Anspruch nirgendwo in der DDR in den Wind geschrieben war, kam er dennoch an vielen Stellen z.B. in den Staatsmedien oft zum Ausdruck. Das Ganze ist also eher eine Art Persiflage Körners auf die in der DDR herrschende Geisteshaltung hinsichtlich ihrer eigenen Anerkennung(swürdigkeit). Obendrein schreibt Körner die DDR auch noch mit kleinen Buchstaben. Die Kleinschreibung wird bei Körner auch in seinem Fragment vom Wort allerdings konsequent gehandhabt. Irgendwie verstörend wirkt, dass Körner das Kürzel DDR getrennt (nicht nur durch eine Leerstelle, sondern durch eine ganze Zeile getrennt!) und jeweils mit Ausrufungszeichen schreibt.

d !
d !
r !

Was würden „Wessis“ beim Anblick des Kürzels

b !
r !
d !

wohl empfinden? Wohl kein Wohlempfinden!?

(Paul-Gerhard Schwidurski)


Fragment vom Wort / 3 IM KAFFEE

Im Admiralspalast in der Ostberliner Friedrichstraße wurde 1955 das DDR-Presse-Café eingerichtet. In unmittelbarer Grenznähe traf sich hier die ‚Boheme‘ der Hauptstadt der DDR. Bildhauer, Musiker und Schriftsteller – als intellektuelle Randgruppe – verwandelten das Café in einen bunten und weltoffenen Ort. Das Päckchen, mit der mehrsprachigen Übersetzung des Wortes Zucker, deutet diese Weltoffenheit an. Die Stasi hatte jedoch hier viele Spitzel positioniert, da unter den Künstlern ein hohes Fluchtpotential herrschte. Künstler in der DDR litten besonders unter den Repressionen, Schikanen und Limitierungen durch die Regierung. Eine freie Entfaltung ihres Talents war nicht möglich und auch nicht erwünscht. Viele Fluchtpläne wurden hier geschmiedet oder deuteten sich zumindest an, die Drehtür zur Flucht in den Westen, jedoch besteht die Gefahr, durch die Bespitzelung wieder in die DDR zurückbefördert zu werden.

(Catharina Stettin)


Fragment vom Wort / 4 SINN UND FORM

Jeder aufgelistete Titel entspricht weitestgehend dem Namen von Tageszeitungen oder Magazinen in der DDR beziehungsweise kommunistischer Presseorgane der BRD („Freies Volk“: Zentralorgan der Kommunistischen Partei Deutschlands). Einzig ‚zb am abend‘ hat es so nicht gegeben – dafür die „BZ am Abend“ (leicht zu verwechseln mit der „B.Z.“, einem Boulevardblatt aus dem Hause Springer), oder es ist ZB als Abkürzung für „Zeit im Bild“ gemeint.

Wohingegen die meisten Titel zweifelsohne parteiideologischer Zensur und Meinungsmache unterlagen bzw. aus diesem Grund überhaupt gegründet worden sind, fällt ein Titel mehr oder weniger aus der Reihe:

SINN UND FORM galt als vergleichsweise liberales Kunst- und Kulturmagazin, das nicht als politisches Presseorgan publiziert wurde und daher grundsätzlich nicht der strengen Zensur unterlag. Somit waren Redakteure frei in der Entscheidung von Konzept und Inhalt (und druckten junge Autoren, die von den konventionellen Verlagen abgelehnt worden waren), allerdings sind die Artikel nachträglich durch das Kulturkomitee der SED bewertet und ggf. abgestraft worden. Andererseits kann die vermeintliche Liberalität auch als beschwichtigendes Aushängeschild seitens der DDR gelesen werden, um das Image nach außen wieder zu heben. Dass also die SED lieber ungewollte Künstler zu Wort kommen ließ und die Gefahr des Selbst- und Andersdenkens in Kauf nahm, als sich nachsagen zu lassen, sie kneble und unterjoche (geistig) ihre Bürger.

‚die titelnachbildungen der zeitungen und zeitschriften‘, also im Prinzip die Vervielfältigungen ein und desselben Produkts, verweisen auf eine vorgegaukelte Vielfalt, die es tatsächlich nicht gegeben zu haben scheint. Es wird letztlich eine geistige Freiheit ‚in alle richtungen‘ suggeriert, die de facto nicht greifbar war. ‚SINN UND FORM‘ klaffen hier also weit auseinander, wenn sie als „Inhalt und Titel“ bzw. „das, was tatsächlich zu lesen ist, und das, was der Name der Zeitung vorgibt“ verstanden werden.

Der Berliner Verlag muss wohl stellvertretend für die gesamte DDR-Presse herhalten, aus seinem Haus stammen auch tatsächlich viele der genannten Produkte. An der Kopfseite des Gebäudes verweisen (heute zumindest) große Anzeigetafeln auf die Presseerzeugnisse des Hauses, eine erleuchtete Drehscheibe auf dem Dach strahlt(e?) den Namen des Verlagshauses in alle Himmelsrichtungen.

(Melanie Nagel)

 


Fragment vom Wort / 5 VOLKSSPORT

‚Aufbau‘, ‚Einheit‘, ‚Fortschritt‘ und ‚Empor‘ sind Namensbestandteile vieler Betriebssportgemeinschaften in der DDR (Aufbau Klosterfelde, Aufbau Boizenburg; Einheit Güstrow, Einheit Brandenburg; BSG Fortschritt Cottbus, Fortschritt Bischofswerda; BSG Empor Tabak Dresden, Empor Gera). ‚Vorwärts‘ ist Namensbestandteil der Sportvereinigung der Nationalen Volksarmee der DDR (ASV Vorwärts), wie auch von regionalen Armeesportgesellschaften (ASG Vorwärts Leipzig, ASG Vorwärts Dessau).

‚Aufbau‘ ist gleichzeitig ein Konzept-Schlagwort der DDR-Führung gewesen, in der unmittelbaren Nachkriegszeit durch gemeinschaftliche unentgeltliche Arbeit die „Hauptstadt Berlin“ wieder herzustellen (Nationales Aufbauwerk). In den Folgejahren blieb der Aufbaugedanke bestehen im Sinne eines wirtschaftlichen und vor allem sozialistischen Aufbaus einer neuen Gesellschaft.

Im selben Zusammenhang steht ‚Fortschritt‘als politisch positiv bewertete Entwicklung im Neuaufbau, sowie im behaupteten Gelingen einer gesellschaftlichen Formierung und der allmählich sich bessernden, materiell und kulturell sich steigernden Lebensqualität der DDR-Bürger.

‚Vorwärts‘ ist ein oft gebrauchter Aufruf in der DDR-Presse (und synonym in der -Politik), die Bürger zu ermuntern und motivieren, sich für den Sozialismus zu engagieren. Der gemeinschaftliche Vorwärts-Gedanke wird proklamiert, indem entweder dazu aufgerufen wird oder indem der bisher erreichte Fortschritt als Verdienst eines jeden einzelnen bestätigt wird.

‚Einheit‘ wird insbesondere in Zusammenhang mit innerer Geschlossenheit gegenüber jeglichen feindlichen Mächten kommuniziert und gefordert (Einheit antifaschistischer Kräfte), aber auch kleinteiliger als gesellschaftliche Organisationformen (Einheit in Vereinen und sozialen Verbänden, FDJ…). Die Gefahr, dass individuelles, kontroverses Denken oder Handeln entwickelt werden könnte, wurde wohl durch die Geschlossenheit und Gleichheit in einer Gruppe als minimiert verstanden.

Die Auflistung Körners kann sich als Liste gegeneinander antretender Sportvereine lesen. Oder als lose Aneinanderreihung politischer Schlagwörter, das ‚Gegen‘ signalisiert dabei bloß das auf der Leuchtanzeige angezeigte neue Wort/ das Gegeneinander der ‚von rechts nach links als laufende Meldung‘ angezeigten Begriffe.

(Melanie Nagel)


Fragment vom Wort / 6 LEUCHTREKLAME

Etwas salopp ausgedrückt macht Körner sich hier wohl ein bisschen darüber lustig, dass beim „buchstabengeflacker aus neonröhren“ ... „vom schaft des fernsehturms“ das Wort „jahrestag“ bei Fehlen bestimmter Buchstaben (bzw. bei Hinzufügen eines bestimmten Buchstaben) einen ganz anderen Sinn bekommt. Beispiel: „a rest“ könnte eine Anspielung auf das Englische Wort für „Pause“ sein. „ja es tagt“ könnte sich z.B. auf „ja, es tagt das Zentralkomitee“ beziehen.

Selbst im Leben eines „normalen Menschen“ ist ein Jahrestag ja etwas Besonderes. Im Leben eines sozialistischen Staates werden Jahrestage in der Regel feierlich begangen. Dadurch dass die Leuchtreklame den ursprünglichen Sinn stark verändert, tritt eine Verfremdung ein. Dem „Jahrestag“ wird die Aura des „Feierlichen“ bzw. „Rituellen“ genommen, es tritt eine Art Entzauberung ein.

(Paul-Gerhard Schwidurski)


Fragment vom Wort / 7 SPIELREGEL

Plan, Perspektive und Prognose sind Begriffe, die im Zusammenhang mit der zentralstaatlichen Wirtschaftsplanung der DDR gebraucht wurden. Die Volkswirtschaftspläne der DDR beinhalteten grundsätzlich ein staatlich gestecktes Ziel, welches innerhalb eines bestimmten Zeitfensters zu erfüllen war und dafür weitgehend kontrolliert und gelenkt wurde. Die staatliche Plankommission setzte ein Planvorhaben fest und weitere Ministerien wurden zugeschaltet, um sämtliche Aspekte des Plans zu kalkulieren.

Ein einzelner Haushaltsplan für die gesamte DDR setzte sich daher aus diversen Teilplänen zusammen (inhaltlicher, hierarchischer, zeitlicher und regionaler Art). Die offiziellen Beschlüsse über die Verabschiedung eines solchen Plans sahen genaueste Vorgaben und Abläufe für alle Beteiligten vor (ausländische und Landesregierungen, Minister, Betriebe, Arbeiter). Nichteinhaltung bzw. offensichtliche Verstöße gegen Vorgaben zogen strafrechtliche und/ oder politische Maßnahmen nach sich.

Körners Laufschrift der ‚leuchttafel am alexanderplatz gegenüber dem haus des lehrers‘ wiederholt kontinuierlich die immer wiederkehrenden Schlagworte ‚PLAN PERSPEKTIVE PROGNOSE‘, so wie sich die Pläne, Perspektiven und Prognosen zur Aufrechterhaltung der Wirtschaft (oder des Staates überhaupt?) wiederholen.

‚zeilenweise sich aufbauend bis zum stehenden bild danach auslöschung und neuanfang‘ könnte sich auch lesen als: Plan, Umsetzung, Ziel. Und neuer Plan, Umsetzung, Ziel… Diese ‚SPIELREGEL‘ klingt zwar simpel und durchführbar – da es aber über kurz oder lang keinen Gewinner in dem Spiel geben kann (Stichwort Mangelwirtschaft), entlarvt sie als ungenügend. Die unterschiedliche großen Zeilenabstände innerhalb einer Spalte könnten auf lückenhafte Konzeption oder aber Umsetzung verweisen. Wohingegen Pläne in der Summe leicht zunehmen, werden Perspektiven und besonders Prognosen klar minimiert. Entweder hakt die Technik der Leuchttafel, oder es gibt tatsächlich einen Fehler im System. Das Schrift-Bild, die Silhouette aller geschriebenen Worte, verweist übrigens in Leserichtung auf ein absteigendes Gefälle. (Die implizite Beeinflussung der Lesart wurde vom Leser erkannt.)

(Melanie Nagel)


Fragment vom Wort / 9 REIHENFOLGE

Es hat in der DDR offizielle Friedensbewegungen gegeben, die staatlich überwacht wurden, um sicherzustellen, dass sie weltpolitisch-humanitär ausgerichtet blieben und sich nicht regimekritisch entwickelten. Eine starke Basis alternativer bürgerlicher Friedensbewegungen lag im Kirchenwesen, auch wenn sich durch Interessensgegensätze differente Gruppierungen herausbildeten. Allerdings entwickelte sich dies zunächst zögerlich, da die SED-Propaganda sich bald selbst allgemeine Friedensliebe auf ihre Fahne schrieb – somit also alternative Bewegungen unterlief und deren Ideale für sich beanspruchte zum Zwecke ihrer Herrschaftslegitimation.

Die ‚friedensfahrt‘ kann als eine solche staatspolitische Initiative verstanden werden. Sie galt quasi als das von den Ostblockstaaten initiierte Pendant zur westlichen Tour de France und war eine Massensportbewegung vor der inhaltlichen Friedensfolie. Die Ortsangabe ‚zwischen frankfurter tor
und strausberger platz in beiden richtungen‘ verweist auf die Karl-Marx-Allee, eine repräsentative Prachtstraße, die durch gigantische sozialistische Bauten den eigenen Bürgern sowie der Welt die Großartigkeit des Sozialismus vorführen sollte.

Eine unabhängige Organisation nach westlichem Vorbild nannte sich „Frauen für den Frieden“, eine andere „Friedensfrauen“. Grundsätzlich hatten sie feministische Züge und forderten Geschlechtergleichberechtigung, setzen sich aber auch und vor allem für Völkerfrieden und Abrüstung ein. Da diese (auch offiziell) in der DDR gutgeheißen wurde, entschieden sich DDR-Frauen, ein ostdeutsches Gegenstück zu organisieren – aus der Überlegung heraus, man könne sie dann ja nicht für ihren Aktionismus bestrafen, wenn die westdeutschen Frauen heldenhaft bejaht wurden. Als Oppositionelle enttarnt wurden dann aber doch einige (auch aus der Kunstszene stammende) Aktivistinnen vom MfS überwacht und teilweise inhaftiert.

An das allgemeine Kunstverständnis von Moderne und Avantgardismus zu Beginn des 20. Jahrhunderts, das durch den Zweiten Weltkrieg (Stichwort entartete Kunst) in Deutschland unterbrochen wurde, konnte in Westdeutschland nach dem Krieg wieder angesetzt werden. In der DDR hingegen wurde diese Entwicklung unterbunden, da bildende Kunst bald kollektivistisch vereinnahmt und in den Dienst der Staatspolitik gestellt wurde. Kunst sollte insbesondere ästhetisierend und emotionalisierend zugunsten eines Kollektivempfindens und der Popularisierung des sozialistischen Gedankens wirken. Also genau gegenteilig dem Credo der Moderne doch wieder einem Zweck unterstellt sein. So wurde z.B. Kinder- wie Erwachsenenliteratur politisch ideell unterfüttert.

Gleichzeitig empfand die SED Kunstschaffende jeglicher Art als potentiell staatsfeindlich und womöglich sah sie diese Gefahr auch bei Heranwachsenden, denen sie nicht von klein auf die gewünschte Denke infiltrierte. (Politische) Frauen, (nonkonforme) Künstler und (noch ungeformte und später evtl. anders denkende) Kinder stellten somit ein großes Konfliktpotential dar, auf das kulturpolitisch eingewirkt werden musste.

Die Kartei Körners beinhaltet zunächst ein Art fiktives Buchcover, welches typografisch (Regenbogen als christliches Friedenszeichen, Großschreibung, Laufweite) wie rhetorisch (Reihenfolge der Wortnennungen: ‚FRAUEN‘ – ‚FRIEDEN‘ – … – ‚daspolitbürounddassekretariat des zk‘) den Friedensaspekt hervorhebt. Im zweiten Teil der Hinweis auf eine Verkehrung ins Gegenteil: ‚REIHENFOLGE‘. Ein Verweis darauf, dass der behauptete Initiator positiver gesellschaftlicher Agitationen nicht wirklich der Staat gewesen ist, sondern sich dieser aus Kontroll- und Manipulationszwecken eben jenen ermächtigte und für sich beanspruchte.

Im Ganzen deutet alles darauf hin, dass sämtliche vom Staat als vermeintlich positiv zu bewertenden (Friedens)Initiativen letztlich nichts anderes sind als Augenwischerei mit Ideenklau: Um die Gefahr der (Intellektuellen-, Jugend-, Frauen-) Opposition zu minimieren, adaptierte man einfach deren Ideale respektive Methoden und machte sie für sich nutzen. Als angeblicher „Herausgeber“ friedlicher und freiheitlicher Überzeugungen glaubte wohl die Staatsführung jede Gefahr als abgewandt und ins Gegenteil verkehrt zu haben. Fragt sich nur, wer der „Leser“ ebenjenes Buches sein soll.

(Melanie Nagel)


Fragment vom Wort / 10 SCHLAGZEILE

Das Fragment Nr. 10 thematisiert ein entscheidendes Charakteristikum der DDR. Mit der Braunkohle als wichtigstem Primärenergieträger und folglich als energiewirtschaftlichem Fundament, war die DDR (im Gegensatz zur BRD) in der Lage, den Großteil ihres Energiebedarfs mit eigenen Rohstoffen abzusichern. Zudem trat die DDR als größter Braunkohleproduzent der Erde auf und deckte zeitweise bis zu einem Viertel der weltweiten Braunkohleproduktion.Der Kampf der Kumpel, also der Bergarbeiter, um Kohle deutet grundsätzlich auf besondere Verhältnisse im Bereich der Kohleproduktion hin.

Zwar kam es in der Geschichte der DDR immer wieder zu erschwerten Verhältnissen im Zusammenhang mit dem Kohle-Tagebau, jedoch könnte man das Fragment Nr. 10 beispielsweise vor dem Hintergrund konkreter Vorfälle zum Jahreswechsel 1978/79 betrachten. Zu diesem Zeitpunkt kam es in der DDR aufgrund von Temperaturen von fast 30 Grad minus und Dauerschneefall zu einer kleinen Energiekatastrophe. In der Folge blieben zahlreiche mit Braunkohle beladene Güterzüge im Schnee stecken, die Kohlegruben froren zu und es kam in weiten Teilen des Landes zu „Flächenabschaltungen“ (dies betraf selbstverständlich weder den Palast der Republik noch den Todesstreifen), da die Rohstoff-Reserven der Energie-Versorger schnell aufgebraucht waren.Im Zuge dessen kam es zur allumfassenden Mobilisierung der 120.000 in der DDR beschäftigten Bergleute sowie tausender Volksarmisten und -polizisten.

In Analogie zu dem von Körner verwendeten Satz „Kumpel kämpfen um Kohle“ lautete der Fronteinsatz einer Panzereinheit, die in den Braunkohletagebau Nochten abberufen worden war: „Kampf um jede Tonne Kohle“.

Körners Wort-Modulationen „Kohlenkumpel“ und „Kumpelkohle“ erhalten vor dem Hintergrund, dass der Kälteschock von Seiten der DDR ein Ersuchen um Unterstützung an den Westen zur Folge hatte, eine erweiterte Bedeutsamkeit. So könnte der Kumpel hier nicht mehr den Bergmann bezeichnen, sondern den (angeblichen) Freund, wobei durch die charakteristische Zusammensetzung des Wortes „Kohlenkumpel“ der Eindruck suggeriert wird, dass es sich dabei um eine oberflächliche, rein pragmatische und auf diesen spezifischen Bereich beschränkte Beziehung handelt.

Die Rückseite spricht von einer„Skulptur der Schrift“. Betrachtet man die Silhouette der auf den ersten Blick etwas strukturlos anmutenden Sätze, Wörter und Wortkombinationen, so beginnt diese durchaus Konturen anzunehmen. Im Hinblick auf den in verschiedenen Variationen repetierten Satz „Kumpel kämpfen um Kohle“ könnte es sich bei der aus den Wörtern geformten Figur um eine kämpfende Gestalt handeln,spezifischer um einen Kumpel, also „Bergmann“, der sich in einem dynamischen (kämpferischen) Prozess des Kohleabbaus befindet. Der angedeutete Gegenstand in der linken Hand (Figur zur rechten Seite hin nach vorne blickend) könnte demnach eine Bergarbeiter-Spitzhacke (Pickel) darstellen. Die Figur soll „frei im Raum und doch statisch“ wirken. Hier findet sich das Problem wieder, anhand einer Skulptur (durch ihr statisches Wesen) einen dynamischen Prozess einzufrieren, ohne dass die Wirkungskraft der Dynamik verloren geht. Doch dies ist eine andere Diskussion.

Ein wesentlich interessanterer Aspekt findet sich darin, dass es sich bei diesem Gebilde um den Mittelteil eines Triptychons handelt, da diese zumeist sakralen Inhalts sind und beispielsweise als Altarbilder fungieren. Der Ausnahmezustand hatte zur Folge, dass der Einsatz der Bergmänner und uniformierten Helfer, die zum Teil provisorisch in Turnhallen und dergleichen untergebracht wurden, sowie auch die Unterstützung der Zivilbevölkerung von Seiten der Presse enorm glorifiziert wurden. Vereinzelte Leistungen wie etwa, dass im Braunkohlenkombinat Regis durch die Entlastung durch 1300 uniformierte Helfer, trotz der Witterung, statt des Plansolls von 220.000 Tonnen sogar 27.000 Tonnen Rohkohle gefördert wurden, trugen selbstverständlich zu diesem Heldenkult um die Arbeiter und den Lobgesang auf den Zusammenhalt der Bevölkerung und der Überwindung der Katastrophe durch die gemeinsame Arbeit bei. Vor diesem Hintergrund könnte man das Triptychon mit dem Motiv des schuftenden und kämpfenden Kohlekumpels als Persiflage auf dieses verklärte Bild einer sozialistischen Menschengemeinschaft (mit dem Heiligenstatus des Arbeiters) sehen, das die Medien so gekonnt zu propagieren wussten, doch das außerhalb der Krise weniger der Realität entsprach.

(Johannes Andreas Maximilian Späth)


Ergänzung

Da das Fragment Nr.10 1969/71 verfasst wurde, erübrigt sich die Energie-Katastrophe 78/79 als konkreter Hintergrund; dennoch dienen die angeführten Aspekte dazu ein allgemeines Bild der immer wiederkehrenden Energieengpässe und Kohleknappheiten in der Geschichte der DDR zu visualisieren. Neben der Suche nach Indizien auf ein explizites historisches Ereigniss in Form einer Katastrophe, bietet sich zudem ein Fokus auf die bereits zuvor erwähnten sakralen Aspekte im Fragment. In diesem Kontext findet sich auch ein weiterer historischer Bezug.

Sakrale Aspekte: das Menetekel: eine Art Omen, Warnruf; in Anlehnung an die alttestamentarische Erzählung „Das Gastmahl des Belsazar“; diesem erscheint im Anschluss an sein frevlerisches Verhalten an der dunklen Wand eine rätselhafte Feuerschrift (das Menetekel), welche daraufhin vom Propheten Daniel als Warnruf für das bevorstehende Ende des Königtums von Belsazar gedeutet wird (dieses biblische Motiv wurde unter anderem von Rembrandt bildnerisch dargestellt); in diesem Kontext könnte man den „Kampf um die Kohle“ in ähnlicher Weise als das Omen der DDR betrachten. Hierzu kommt, dass die Figur des Kumpels als Motiv eines Triptychons erscheint. Diese beinhalten zumeist religiöse, prophetische und auch zeitlich entkoppelte bzw. zyklische Darstellungen, oft mit universeller symbolischer Bedeutsamkeit. Zudem enthalten die als Altäre genutzten Triptychen in der Regel eine optisch schlicht gehaltene Alltagsseite und eine prunkvolle Festtagsseite, welche nur an bestimmten Feiertagen gezeigt wird. Man könnte den „Kampf um die Kohle“ als Ereignis mit zyklischem Charakter betrachten, als wiederkehrendes Schicksal der DDR.

Versucht man den „Kampf um die Kohle“ vor einem religiösen Hintergrund zu deuten, so erhält er eine einschlägige Dualität, denn er ist zugleich Untergang als auch Erlösung und die Entscheidung wird im Kampf ausgetragen. Die Bevölkerung wird auf den Prüfstand gestellt und sie setzt sich durch. Tatsächlich gab es natürlich keinen Mythos von der großen Kohlekanppheit, der jährlich mit der Enthüllung des Kumpel-Triptychons gefeiert wurde und auch keinen religiösen Volkskult, der den Tag der Kohleknappheit auf eine Stufe mit dem Tag des Jüngsten Gerichts stellte. Was es jedoch seit 1951 gab, war der „Tag des deutschen Bergmanns“ (ab 1975 Tag des Bergmanns und des Energiearbeiters). Dieser Ehren- und Gedenktag wurde in der DDR an jedem ersten Sonntag im Juli abgehalten. An diesem Tag gab es beispielsweise das Bergmannstreuegeld, auch als Dividende bezeichnet, und es wurden verschiedene Zeremonien abgehalten, bei denen unter anderem Abzeichen verliehen wurden. Das Fragment Nr. 10 könnte in diesem Zusammenhang auch als überspitzte Darstellung dieses Feiertages interpretiert werden und im Zentrum steht ein Triptychon am Leninplatz, das den „Kampf um die Kohle“ in mythisch sakraler Weise verklärt.

(Johannes Andreas Maximilian Späth)


Fragment vom Wort / 14 SENDEZEITEN

Das Fernsehprogramm des Fernsehen der DDR - bzw. des DFF (Deutscher Fernsehfunk) - war staatlich überwacht. Nach den Ereignissen des 17.6.53 und der Ausstrahlung derer, wurde der Intendant entlassen und die Partei gab strikt vor, was gesendet wird. Das Farbfernsehen wurde erst spät eingeführt, lange hatten die Bewohner der DDR nur schwarz-weiß Fernseher. Jedoch wurden die Farbfernseher mit einer anderen Bildtechnik produziert als in Westdeutschland gesendet wurde, ein Empfang des Westfernsehens in Farbe war somit nicht möglich. Unendliche Wiederholungen des Vorabend-Programmes am Vormittag wurde für Spätarbeiter gesendet, um auch sie politisch zu erreichen. Nach Sendeschluss wurde lediglich das Testbild gesendet.

Das Fernsehprogramm der DDR sowohl in seiner semiotischen Abfolge als auch in der Praxis war trist, farblos und monoton, ein Spiegel des Alltages in der Republik. Monochronie der Sendungen bedeutet eine lineare Abfolge, es kann pro Zeit nur eine Sendung gesendet werden, es existiert keine weitere daneben. Das Westfernsehen könnte hiermit gemeint sein, aber auch das Leben außerhalb der DDR, im Kapitalismus, ist eigentlich nicht existent. Wie die Sendezeiten des Fernsehen der DDR, mit einem klaren Beginn und deutlichen Ende, sowie einem nächtlichen Sendeschluss und dem obligatorischen Testbild, läuft der Alltag in der DDR ab. Überlappungen oder parallele Instanzen gibt es nicht. Andere Programme, Sender und im übertragenen Sinne „Alltage“ sind nicht denkbar.

(Catharina Stettin)


Fragment vom Wort / 16 SONETT

Abgebildet ist eine Säule aus Würfeln, sie sind nicht gleichmäßig gestapelt und die Säule erscheint wacklig. Auf den Würfel sind Buchstaben entsprechend dem Reimschema eines Sonetts dargestellt. Ein Sonett ist ein „kleines Tonstück“, ursprünglich aus dem italienischen Raum im 13. Jahrhundert entstanden. Sie ist eine lyrische Form mit 14 metrisch gegliederten Verszeilen die in ihrer italienischen Originalform aus 4 kurzen Strophen (2 Quartetten und 2 Terzetten) besteht. Im Deutschen ist das Versmaß ein fünfhebiger Jambus und die Form des Reimschmemas „abba abba cdc dcd“. In der Abbildung von Körner ist das Reimschema in den beiden Terzetten von dieser üblichen Form abweichend. In diesem Bild fußt die Säule auf dem eigentlichen Ende des Sonetts und diese „falschen“ Terzette bilden die Basis.

In der DDR wurde das Sonett als lyrische Form von der Sächsischen Dichterschule wieder aufgegriffen und produktiv weiterentwickelt. Johannes R. Becher gehörte zu den Dichtern der DDR, die das Sonett wieder aufleben ließen und ihm neue Popularität verleihen wollten. Becher war der Präsident des Kulturbundes der DDR, aber auch im Zentralvorstand der SED. Zudem war er aber auch einer der Gründer der Akademie der Künste 1950 in der DDR und deren Präsident von 1953-1956. Die Akademie der Künste bzw. Zentrale Kunstakademie der DDR (1959-1993) befand sich am Robert-Koch-Platz im sogenannten Kaiserin-Friedrich-Haus in Berlin Mitte. Ziel der Akademie war es eigentlich, kunstpolitische Direktiven künstlerisch zu vermittelt, jedoch blieb sie von Künstlern dominiert und so ein Sammelsurium von Widersacher normativer Stilvorstellungen in der Kunst der DDR.

Zusammen mit dem oben genanntem Hintergrundwissen und dem Text auf der Kartei, kann man diesen Beitrag von Körner, als eine Kritik an den Bemühungen von ostdeutschen Dichtern werten, die klassische lyrische Form „Sonett“ wieder aufleben zu lassen. Dieses Anknüpfen an Traditionellem und Klassischem passte zur Politik der 50er Jahre der DDR. Das Wiederaufleben von klassischen Details in Kunst und Architektur sollte einen krassen Gegensatz zur kapitalistischen Kultur der „Moderne“ der westlichen Mächte und der BRD darstellen. So sollten auch in der Literatur klassische Aspekte aufgegriffen und integriert werden. Jedoch scheint Körner das als stümperhaft zu werten, als „reste einer Säule vom heiligtum der poesie“. Gerade einer der Gründer und der Präsidenten der Akademie der Künste versuchte sich an dieser klassischen Reimform und Körner beschreibt vor seinem Institut einen falsch zusammengewürfelter Haufen des ursprünglichen Reimschemas. Oder aber die Reste der Säule könnten vielleicht auch den zusammengesuchten Rest der ins Exil geflohenen Künstler darstellen, die in der DDR weiter tätig sein wollten - jedoch nach sozialistischen Maßstäben der Akademieleitung sprich der SED - daher als ein verkümmerter und falsch sortierter Haufen Würfel, symbolisch vor der Akademie abgelegt.

(Catharina Stettin)


Fragment vom Wort / 19 SPRUCHBAND

dasmeerebendasmeeristdasmeereben

Ein Betrachter in Ostberlin konnte bei einem Blick auf Spruchbänder am Brandenburger Tor z.B. SED-Slogans oder dergleichen sehen. Ein auf den ersten Blick ziemlich sinnentleertes Spruchband wie „dasmeerebendasmeeristdasmeereben“ hätte man zu DDR-Zeiten wohl kaum erwarten können.

Zwar hörte die Welt am Brandenburger Tor nicht auf, für die Menschen in Ostberlin war die Welt hinter dem Brandenburger Tor aber eine Art „Jenseits“. Dieses „Jenseits“ konnten sie aus der Ferne und am Brandenburger Tor sogar aus einer gewissen Nähe betrachten. Jedoch konnten gewöhnlich nur wenige DDR-Bürger dieses „Jenseits“ betreten .

In gewisser Weise war Berlin-West also „eben das meer“. Wir haben es sozusagen mit dem Meer als Metapher für Weite und Freiheit zu tun. In diesem Zusammenhang kann hinzugefügt werden, dass nicht nur in der Literatur, sondern auch in der Malerei das Meer bzw. die Fahrt übers Meer als Metapher für ein glückliches Leben (oder die Suche danach) auftaucht. Andererseits könnte das Meer durchaus auch für „Gefahren“ oder das „Unbekannte“ stehen.

Vor diesem Hintergrund hätte man also etwas resignierend von Ostberlin aus (auf das Brandenburger Tor mit dem Spruchband und gleichzeitig auch auf die dahinterliegende Welt des Westens blickend) folgenden oder ähnlichen Seufzer von sich geben können: „dasmeerebendasmeeristdasmeereben“.

Übrigens: Vor kurzem konnte man in der Zeitung (z.B. Berliner Morgenpost, 10. Juli 2014, Onlineausgabe) etwas über die „Lichtgrenze“ lesen: „8000 illuminierte Ballons zwischen der Bösebrücke an der Bornholmer Straße und der Oberbaumbrücke werden die Stadt (...) als „Lichtgrenze“ erleuchten, auf einer Strecke von 15,3 Kilometern entlang an Brandenburger Tor, Checkpoint Charlie und East Side Gallery. (...) Das Licht soll symbolisch für die Kerzen stehen, mit denen 1989 viele auf die Straße gingen.“

Irgendwie erinnert mich diese Szenerie ein bisschen an Thomas Körners „SPRUCHBAND / an bunten luftballons / über dem brandenburger tor“...

(Paul-Gerhard Schwidurski)


„Die Welt schaut am 9. November wieder auf Berlin.“

Heute ist der 9. November 2014. 25 Jahre sind nun schon seit dem Mauerfall vergangen! Die Lichtinstallation mit weiß leuchtenden Ballons wird insbesondere auch am Brandenburger Tor zu sehen sein. Vielleicht k önnte man beim Anblick dieser Lichtergrenze mit Thomas Körner heute sagen: „daslichtermeerebendaslichtermeeristdaslichtermeereben“.

Viele wird dieses Lichtermeer bzw. diese Lichtgrenze zum Denken anregen. Zwar gibt es je nach Perspektive des Betrachters vor bzw. hinter dem Brandenburger Tor kein „Jenseits“ mehr, eine Welt ohne Mauern haben wir aber noch lange nicht. Nun entstehen an anderen Orten dieser Welt wieder Mauern. Und das leider nicht nur in den Köpfen.

(Paul-Gerhard Schwidurski)


Fragment vom Wort / 22a KLEINERES RAHMENPROGRAMM

Der ‚apollosaal der staatsoper unter den linden‘ ist einer von zwei zentralen Räumen des Berliner Opernhauses. Nachdem er mehrfach durch Bomben im Zweiten Weltkrieg beschädigt worden ist, ist er in der Nachkriegszeit nicht einfach rekonstruiert, sondern derart umgebaut und erweitert worden, dass er für Staatsrepräsentationen nutzbar gemacht werden konnte. Er sollte demnach sehr streng und vor allem repräsentativ wirken (in vielerlei Hinsicht dienten Räume des Schlosses Sanssouci als Vorlage).

Eine konzertante Aufführung meint ein Schauspiel / eine Darbietung ohne Kostüm oder Bühnenbild.

Das „KLEINERE RAHMENPROGRAMM“, das in den folgenden, zugehörigen Fragmenten entfaltet wird, lässt sich also lesen als eine staatspolitische Inszenierung, reduziert auf inhaltliche Versatzstücke und Worthülsen unter Weglassung Zusammenhang stiftenden, ausschmückenden (Wort-)Beiwerks. So kann das politische Programm der DDR hier als Bühnenstück verstanden werden, in welchem sich die „Darsteller“ eines Repertoires einstudierter Texte bedienen und es repetitiv nutzen, so dass also jede (Sprech-)Handlung konstruiert und gescriptet ist (Stichwort sozialistische Rhetorik) und die Frage offen bleibt, welche Rolle dem Rezipienten dabei zukommen kann. Gleichzeitig illustriert diese Sequenz, dass Kunst eben nicht mehr autonom ist, sondern zweckgebunden und für das Politische nutzbar gemacht wurde.

(Melanie Nagel)

 


Fragment vom Wort / 23 KOLLEKTIV

Beim „cafe Burger“ (benannt nach Familie Burger, Übernahme des Lokals 1936) handelt es sich um ein seit 1890 existierendes Künstlerlokal in der Torstraße (zu DDR Zeiten Wilhelm Pieck Straße) in Berlin-Mitte. Ab 1970 florierte das Lokal als Treffpunkt der Ostberliner Kulturszene. Es wurde zum Stammlokal der an der nahe gelegenen Volksbühne verkehrenden und in der Nähe wohnenden Dramaturgen und Schriftsteller wie Heiner Müller, Thomas Brasch und Ulrich Plenzdorf usw. Zu den Gästen dürfte auch Körner gehört haben. Vermehrt trafen sich dort auch Systemkritiker und Ausreisende, was 1979, unter dem Vorwand einer allumfassenden Renovierung, zu einer vorübergehenden Schließung durch die Behörden führte.

Das „Kollektiv“ war ein zentrales Wort im Sprachgebrauch der DDR. In der Staatsideologie lag ein allumfassender Fokus auf dem Prinzip der Gemeinschaftlichkeit. So war das Kollektiv beispielsweise neben „Brigade“ ein etablierter Begriff zur Bezeichnung einer Arbeitsgruppe.

Die Kollektivität, zurückzuführen auf die der marxistischen Soziologie entnommene Annahme, dass eine willentliche und zweckmäßige Tätigkeit eines Menschen durch die Wechselwirkung mit seiner Umwelt immer ein gesellschaftlicher Prozess sei, kann sich auf jegliche Bereiche ausdehnen in denen übereinstimmende Ideen und ein gemeinsames Bestreben nach bestimmten Vorstellungen gegeben ist.

Als Kollektiv kann auch die Szene begriffen werden, die im Café Burger verkehrt. Der Gedankenaustausch innerhalb dieser Szene bildet eine Schnittstelle zwischen Kunst und Politik. Das Café selbst bildet die Plattform, um diese Gedanken zu artikulieren (dies zeigt sich in der – vermeintlichen – immer wiederkehrenden Silhouette eines Vortragenden im Hintergrund). Auch in der Artikulation des Fragments finden sich sowohl dramaturgische als auch gesellschaftspolitische Aspekte. Eine Weise, das Fragment zu lesen, wäre im Hinblick auf die Diskrepanz beider Bedeutungen etwas in der Vorstellung zu schaffen und dem Prozess als Kollektiv (mit dem in der DDR üblichen Fokus auf Arbeit) einer tatsächlichen Tätigkeit zu folgen, sprich als Hinweis auf die Barriere zwischen etwas Ideellem und etwas Substanziellem. Ob in künstlerischer oder in politischer Hinsicht, die tatsächliche Umsetzung von „Gedanken“ liegt in den Händen der Institutionen. Natürlich lässt das Fragment darüber hinaus viel Platz für Interpretation.

(Johannes Andreas Maximilian Späth)

 


Fragment vom Wort / 27 FRAGEBOGEN

Der ‚grenzübergang bahnhof friedrichstraße‘ ist, als letzter Halt vor der Grenze und als im Zentrum von Ost-Berlin gelegen, eine der wichtigsten Passiermöglichkeiten zwischen West und Ost gewesen.

Der ehemalige Durchgangsbahnhof wurde mit der Grenzschließung plötzlich zu einem Kopfbahnhof, die ehemals klare und rationale Architektur des Gebäudes wurde im Laufe der Zeit zu einem labyrinthischen und verbauten Komplex. Es wurden Wände eingezogen, Mauern, Sichtblenden, Spionspiegel und geräuschabschirmende Konstruktionen installiert, um jeglichen inoffiziellen Kontakt zwischen Reisenden, respektive Fluchten zu verhindern. Gleichzeitig ist der Bahnhof Friedrichstraße eine zentrale Schleuse für Stasi-Spione und -Spitzel gewesen, weswegen geheime Gänge und Räume innerhalb des Gebäudes verbaut worden sind.

Die Vorhalle des Bahnhofs, der Abfertigungsbereich, erhielt bald den inoffiziellen Namen „Tränenpalast“, da hier die schmerzlichen Abschiede oder erzwungenen Trennungen von Verwandten und Freunden stattfanden. Die Abwicklung der Kontrollen erfolgte zunächst nach strikter Trennung der Staatszugehörigkeit. So genannte Passkontrolleinheiten sichteten dabei nicht bloß Papiere, sondern nutzen (als dem MfS Zugehörige) die Chance, vermeintlich politisch bedeutsame Informationen aus oft langwierigen und schikanenhaften Befragungsprozeduren zu erlangen.

Die endlos wirkende Kartei Körners enthält vergleichsweise gängige Kontrollkriterien, die zu beantworten keine Schwierigkeit darstellen. Sie beinhaltet darüber hinaus jedoch auch (höchst) persönliche Aspekte, die für die Einreise keine Relevanz haben dürften. Und daneben finden sich Fragebereiche, die eher einem Wortsuchspiel ähneln und tatsächlich sinnfrei zu sein scheinen. Die Anordnung des Fragebogens ‚folgt dem strahlengang‘. Beim Herunterscrollen tun sich Hindernisse auf, schwarze Blöcke oder Flächen kommen in den Weg. Dann wieder länger nichts, bevor es irgendwann doch irgendwo weitergeht.

Hier parallelisiert sich vermutlich das Prozedere des Verhörs vor der Ein- oder Ausreise mit der Physiognomie des Ortes. Beides wirkt endlos, vertrackt und willkürlich.

‚die richtigkeit der richtung ist eine frage der antwort‘ Oder anders: Wer im Fragenkatalog der DDR-Grenzkontrolleure patzte, blieb auf der anderen Seite.

(Melanie Nagel)

 


Fragment vom Wort /28 DAS ND

Körner schafft es, konsequent und formelhaft in jedem zweiten Wort das Kürzel „nd“ unterzubringen. Auch ohne Körners „ND-Einschübe“ waren viele ND-Artikel aber von einer gewissen Formelhaftigkeit geprägt. Hinzu kommt noch, dass bei dem vorliegenden Auszug aus einem ND-Artikel in fast ritueller Weise die Titel der Beteiligten im Vordergrund stehen. Wer solche Artikel jeden Tag zu lesen bekam, könnte je nach politischer Gemütslage durchaus einen gewissen Verdruss verspürt haben. In jedem Fall litt wohl der Informationsgehalt. Andererseits werden sich überzeugte SED-Mitglieder daran ebensowenig gestört gefühlt haben wie überzeugte Christen am Vaterunser. Mit dem wiederholten Einfügen des „nd“ unterstreicht Körner also das formelhafte und sinnentleerte Deutsch des „Neuen Deutschland“. Das gepflanzte Blumenstück steht scheinbar in eher lebendigem Kontrast dazu. Andererseits sind auch die Grashalme im Rasen nicht differenziert, sondern eher stereotyp und nivelliert. Sowohl das Deutsch im Zentralorgan der SED als auch das gepflanzte Blumenstück sind also in einem gewissem Sinne dem kühlen Rasengrab nicht unähnlich.

(Paul-Gerhard Schwidurski)

 


Fragment vom Wort / 36 VOLKSENTSCHEID

ein nein aus lauter ja's

Der Zettel mit dem NEIN aus lauter ja's ist „an die „wand des hauses schönhauser allee ecke saarbrücker und kollwitzstraße“ geklebt. Es könnte sich hier also um eine Straßenkreuzung handeln, an der auch eine Ampel steht. Die Aufforderung „erst sehen, dann gehen“ ist wohl im Zusammenhang mit folgendem Slogan bei der Verkehrserziehung zu sehen: „Bei Rot bleibe stehen. Bei Grün erst sehen, dann gehen.“

Körner geht es hier aber kaum um Verkehrserziehung. Er spielt hier wohl auf die bei Abstimmungen und Wahlen in der DDR übliche Situation an, dass es in der Regel lauter Ja-Stimmen, aber kaum oder gar keine Nein-Stimmen gab. Ein zweiter Blick konnte jedoch dem guten Beobachter verraten, dass sich hinter den vielen Jasagern eigentlich ein „Nein“ zum System der DDR verbirgt. Genau dies ist der wahre „Volksentscheid“. Vor diesem Hintergrund ist wohl auch die Aufforderung „erst sehen, dann gehen“ zu sehen. Bei einem nur oberflächlichen Blick aus der Nähe sieht man nur die vielen Jas, ein zweiter Blick (bevor man gedankenlos weggeht) zeigt jedoch, dass das Ganze ein „Nein“ ist. Was man zuerst wahrnimmt, hängt aber auch von der Perspektive ab. Ab einer gewissen Entfernung wird man als Erstes wohl eher das „NEIN“ wahrnehmen. Nähert man sich dann dem Zettel, so erblickt man auch die vielen „ja's“.

Durch die Zweideutigkeit der Aufforderung „erst sehen, dann gehen“ entsteht eine gewisse Komik, was (vermute ich mal) von Thomas Körner wohl nicht ungewollt ist.

Man liegt sicher nicht völlig daneben, wenn man das Ganze als gelungene Entlarvung einer DDR-Lüge auffasst!!

(Paul-Gerhard Schwidurski)

 


Fragment vom Wort / 43 KOMMUNIQUE

einziger inhalt sämtlicher tageszeitungen
die länge der verlautbarung richtet sich
nach dem umfang der ausgabe

Thomas Körner, der wie 16 Millionen DDR-Bürger täglich den Inhalt von DDR-Medien genießen durfte, war wohl die Sinnleere vieler in diesen Staatsmedien erschienenen Artikel ein Dorn im Auge. Ein Dorn, der für manche, die abseits der offiziellen Linie standen und dachten, wie ein Trauma auch Jahre nach der Wende irgendwie noch spürbar ist.

Zurück zu Körners Text:

„- - - - - - - ! - - - - - - -
„ - - - - - - - - - - - - - “
- - - - ; - - - - - - - . - -
- - - - - - - - . . . - - - -
--- - - - - - - - - - - - - - -?

Ja, die DDR war wirklich eine schöne Sprachanstalt. Wer zu DDR-Zeiten täglich von den Staatsmedien von solch einer schön eintönigen und sinnfreien Sprache berieselt wurde, kann sich durchaus vorstellen, was konkret geschrieben wurde. Wer dies allerdings als nach der Wende Geborener heute liest, kann sich darunter vielleicht nur wenig oder gar gar nichts vorstellen. In diesem Fall sei in Blick z.B. in Zeitungsarchive, die ja zum Teil heutzutage auch online einsehbar sind, empfohlen.

Alternativ dazu habe ich mir erlaubt, einem „Zeitungsdieb“ (http://zeitungsdieb.blogger.de/topics/Sportliches/?start=30) folgendes Zitat zu entlehnen. Darin wird konkret und etwas humoristisch der Inhalt von Kommuniques in DDR-Zeitungen dargestellt:

„Am gestrigen Donnerstag hielt sich Humba Pumba Humpapa, der höchste Repr ä sentant des Volkes von Tschinderassa und zugleich Generalsekretär der Revolutionären Volkspartei von Tschinderassa und Kommandierende Oberbefehlshaber der ruhmreichen Volksbefreiungsarmee von Tschinderassa, auf Einladung des Vorsitzenden des Staatsrates der Deutschen Demokratischen Republik und des Generalsekretärs des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, Erich Honnecker, zu einem Staatsbesuch in Berlin, der Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik, auf. In einem sechsstündigen, vertrauensvollen Gespr ä ch wurden Themen beiderseitigen Interesses erörtert. Die Beratungen fanden in einer aufgeschlossenen Atmosphäre statt, es wurde ein Kommunique verabschiedet.“

(Paul-Gerhard Schwidurski)

 


Nachtrag

Bei den obigen Ausführungen vom 1.11.2014 war davon ausgegangen worden, dass Thomas Körner die Eintönigkeit und Informationslosigkeit der DDR- Medien (insbesondere wohl der Staatsmedien) aufs Korn nehmen wollte.

Allerdings macht bei genauerem Hinsehen der Hintergrund des Oberteils von Körners „KOMMUNIQUE“ ein bisschen stutzig. Dieser Untergrund des Oberteils von Körners KOMMUNIQUE ist nicht etwa ein Artikel des Neuen Deutschlands oder einer anderen Staatszeitung aus DDR-Zeiten. Vielmehr handelt es sich um einen in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung erschienenen Artikel. Dessen Titel lautet „Von wilden Spekulanten und vergessenen Instinkten“ (08.03.2009, Nr. 10 / Seite 40). Dem Betrachter des Hintergrunds von Körners KOMUNIQUE sind aber leider gar keine ganzen Sätze erkennbar. Man sieht jedoch immerhin einige Wort- bzw. Satzfetzen, die durch das unklare Schriftbild noch weiter verzerrt werden. Wer der Sache jedoch auf den Grund geht und anhand solcher Wortfetzen im Internet „googelt“ wird schnell fündig und kann statt der den Gesamtzusammenhang nicht verständlich machenden Satzfetzen den ganzen Originaltext lesen. Alles nur ein Zufall? Man fragt sich, ob Körner über die DDR-Kritik hinaus etwas sagen bzw. ausdrücken will. Will er etwa auf Parallelen in der heutigen deutschen Medienwelt zur Zeitungswelt in der DDR hinweisen?

Dafür könnte u.a. sprechen, dass eine Passage in dem Artikel der FAS lautet: „Schade nur, dass die Autoren es nicht wagen, aus ihrem Konzept heraus detaillierte Lösungen für die Krise abzuleiten.“ Sollten hier also heutige Zeitungs- und Buchautoren mit Autoren von Tageszeitungen der DDR-Staatsmedien verglichen werden? Ist Körner möglicherweise eines Teiles der Journaille des wiedervereinigten Deutschlands überdrüssig? Immerhin lautet die Überschrift zu Körners KOMMUNIQUE: „einziger inhalt sämtlicher tageszeitungen“ (also z.B. nicht „der Tageszeitungen in der DDR“).

Andererseits ist Körners Werk in seiner Gesamttendenz jedoch eindeutig auf die DDR bezogen, so dass o.a. Interpretation wohl zu weit geht. Dann stellt sich aber die Frage, weshalb Körner als Untergrund für den Oberteil des KOMMUNIQUES mit dem FAS-Artikel eine relativ neue Zeitung und nicht etwa eine alte DDR-Zeitung genommen hat. Die Antwort hierfür ist nicht einfach; vielleicht hilft aber folgende Überlegung weiter: Körner könnte den nach dem Ende der DDR Geborenen und vielleicht auch dem letzten „Wessi“ klar machen wollen, dass die Kommuniqués in Tageszeitungen aus DDR-Zeiten ähnlich nichtssagend waren wie eine Ansammlung von Wortfetzen einer heutigen Zeitung.

Man muss allerdings fairerweise sagen, dass sich die Sinnleere eines „nichtssagenden Kommuniques“ nicht allein nach objektiven Kriterien (z.B. immer wiederkehrende Leerformeln etc.) bemisst. Vielmehr könnte hier auch ein subjektives Moment eine gewisse Rolle spielen. Zur Verdeutlichung dessen sei angemerkt, dass z.B. SED-Kader die Sinnleere von ND-Kommuniqués wohl weniger stark empfunden haben werden als Regimedissidenten. Ein weiteres Beispiel soll die Abhängigkeit vom politischen Standpunkt verdeutlichen. Hier wird vom (offiziellen) DDR-Standpunkt aus die Sinnleere von westdeutschen Kommuniques kritisiert. In einem Artikel des ND (Neues Deutschland, Do. 7. August 1958, Jahrgang 13 / Ausgabe 187 / Seite 2) wird gegen ein „nichtssagendes Kommunique“ der Adenauer-Regierung gewettert: Zitat: „Nutzlos wie vorausgesehen.Gutermuths Bittgang zu Adenauer ohne Ergebnis für die Kumpel Bonn (ADN). Ein nichtssagendes Kommunique ist das Ergebnis des Gesprächs, das Adenauer am Mittwoch mit dem Vorsitzenden der IG Bergbau, Heinrich Gufermuth. über die Auswirkungen der westdeutschen Kohlenkrise führte. „Die besonderen Schwierigkeiten des Steinkohlenbergbaues“ seien erörtert worden, heißt es darin, ohne daß mit einem Wort auf die Feierschichten und Entlassungen eingegangen wird. Die Meinung Adenauers zu der Krisenlage des Bergbaues, die die Existenz Tausender Bergarbeiter bedroht, erschöpft sich in dem lapidaren Satz: „Der Bundeskanzler betrachte die heimische Kohle heute und für die Zukunft als den für die westdeutsche Wirtschaft wesentlichen Grundstoff.“ Zitatende.

Im Hinblick auf die Abneigung gegen Kommuniqués politisch Andersdenkender könnte man daher etwas humorvoll und ironisch konstatieren: „Wir waren uns schon lange vor der Einheit ähnlicher als manche glauben mögen. Wir tickten eigentlich schon immer gleich.“

(Paul-Gerhard Schwidurski)


Fragment vom Wort / 45 VORWÄRTS UND NICHTS VERGESSEN

„Vorwärts und nicht vergessen“ lautet die erste Strophe des Solidaritätslieds von Bertolt Brecht, das als Arbeiterlied um 1930 entstand. Vertont wurde es von Hanns Eisler, einem Bewunderer und Weggefährten Brechts. Eisler war es auch, der die offizielle Nationalhymne der DDR komponierte. Obwohl Eisler seine Kunst als überzeugter Kommunist und Wahl-Ostberliner bewusst in den Dienst der Politik stellte, stand er der DDR insgesamt auch differenziert gegenüber. In der so genannten Faustus-Debatte denunzierte die Kulturpolitik der SED sein Werk als zu pessimistisch und antinational. Eisler selbst versuchte, sein Schaffen im Rahmen der Politkonformität zu realisieren und gleichzeitig eine Art unterschwelliges systemkritisches Korrektiv anzubieten.

In der Karikatur hält jemand eine rote Fahne in die Höhe, in der DDR als „Arbeiterfahne“ bezeichnet, Symbol für Sozialismus / Kommunismus. Der unverkennbare Knoten in der Fahne, der daran erinnern soll, etwas Bestimmtes nicht zu vergessen, ist mit ‚Knothe‘ bezeichnet.

Dietrich Knothe war Dirigent und Chorleiter u.a. des Rundfunkchores in der DDR und ein Bewunderer Eislers – ob dies auch mit dessen Mut zur Regimekritik zu tun hatte, die Eisler durch seine bedeutende kulturelle Stellung umzusetzen sich traute, kann nur gemutmaßt werden. Tatsächlich jedoch wurde Knothe eine vermeintlich staatsfeindliche Handlung bzw. Nichthandlung zum Verhängnis. Weil er es unterließ, die Nationalhymne am Ende einer offiziellen Aufführung (1962) zu singen / singen zu lassen, wurde er fristlos vom Leipziger Chorensemble entlassen. Seine Karriere endete prompt trotz seines ansonsten hervorragenden Renommees. Erst in den frühen 1980ern gelang es ihm, wieder als Chefdirigent tätig zu sein. Und erst zum Ende des Bestehens der DDR wurde ihm, dessen Arbeits- und Lebensgrundlage der Staat ihm genommen hatte, der Nationalpreis verliehen.

Körners Karikatur kann demnach so gelesen werden, dass die Rote Fahne des sozialistischen Arbeiterstaates, Symbol für Ideal und Utopie einer marxistisch-leninistischen Gesellschaft, Gefahr lief, etwas Elementares zu „vergessen“. Dass das eigentlich angestrebte Ziel nach klassenloser Gesellschaft durch avantgardistische Revolution zwar theoretisch Programm war, aber spätestens dann über Bord geworfen wurde, als der Arbeiterstaat eine diktatorische Führungsebene erhielt, die fortan Staat und Volk deutlich voneinander trennte und das Volk mit aller Macht in seine Schranken verwies – und sich trotzdem weiterhin Solidarität, Gemeinschaft und Zusammenhalt auf die Fahne schrieb. Knothe kann hier vielleicht als verbildlichtes Exempel der SED an der Intelligenz des Landes verstanden werden. Körner illustriert hier zynisch, wie einerseits talentierte Künstler in den Dienst der Politik gestellt und dann auch gefördert und anerkannt wurden und wie rigoros andere unliebsame Künstler / Personen ganz einfach abgestraft und abgesägt wurden, die der Politik nicht dienlich und vielleicht nicht wertvoll genug erschienen.

(Melanie Nagel)

 


VISUELLE POESIE IM FRAGMENT VOM WORT

Im Folgenden möchte ich mich dem „Fragment vom Wort“ über die visuelle Poesie nähern. Dazu erst einige Begriffsdefinitionen: was darüber in der Literatur zu finden ist, und was Körner unter sinnerfassendem Lesen versteht. Die Anwendung von Körners Theorie auf ausgewählte Texte folgt in weiteren Beiträgen.

Konkrete vs. visuelle Poesie

Unter dem Überbegriff konkrete Poesie werden Seh-Gegenstände, Seh-Texte verstanden. Einst wurden die Begriffe konkrete und visuelle Poesie identisch benutzt. Mit der Abspaltung des Begriffes visuelle Poesie entstanden die Bezeichnungen „Wortbild“, „Textbild“ oder „Bildtext“. Während die konkrete Poesie die Anschauung im Wort, dh. begrifflich,konzentriert, geht die visuelle Poesie umgekehrt vor: sie macht Begriffliches anschaulich. Visuelle Poesie illustriert. Unverzichtbar sind allerdings die Anteile an Schrift. Ohne Kombinationen mit einzelnen Buchstaben, Wörtern oder Sätzen würde visuelle Poesie als Grafik oder Collage betrachtet werden müssen. [1]

Arbeiten der visuellen Poesie sind komplexere Gebilde als jene der konkreten Poesie und daran zu erkennen,dass neben der grafischen Qualität des Buchstabenmaterials bildnerische Elemente (Farbe, Formen, Zeichnungen, Collagen usw.) als Kontrast, Spiegelung oder Verzerrung der Semantik von verwendeten Wörtern dienen. Es entstehen also Textbilder. In der visuellen Poesie finden sich immer mehrere Ebenen. Bild- und Textinformationen, verschränkt und als Fragmente montiert, sollen poetische Spielräume ergeben. Dabei spielt das Wiedererkennen von Material und Herkunft eine wichtige Rolle. [2]

Visuelle Texte

Visuelle Texte erschließen sich erst durch das Betrachten. Statt der gewohnten Syntax gibt es eine Art Flächensyntax. In einem normalen Text reiht sich Wort an Wort, der Inhalt entsteht durch Addition der syntaktisch geordneten Teile des Satzes. Der Umraum ist von sekundärer Bedeutung.

In visuellen Werken geht es dagegen um simultane Erfassung des Textes. Die Lesefläche ist semantisch unterschiedlich. Oben bedeutet etwas Positives, unten etwas Negatives. Je nach Dominanz der Begriffe oder des Bildraums wird der Text sich auf bestimmte sprachliche Aspekte beziehen. Nicht alle Begriffe eignen sich für die Präsentation kategorialer Verhältnisse. Thematisiert werden kann der Kontrast zwischen Schrift und Begriff, die Beziehung zwischen Begriff, Fläche und Raum,die Entstehung und das Verschwinden von Sinn und der Unterschied zwischen sinnlich Wahrnehmbarem und Gedachtem. [3]

Visuelle Texte bei Körner

An die oben genannte Addition knüpft auch Körner an. Im „Leseraum“ im “Fragment von der Arbeit“ spricht er davon, die Grenzen dieser Addition, die „lineare additive reihe“ aufzubrechen,denn diese unterbindet reflexives und sinnfindendes Lesen. Ein Beispiel: Die Anordnung der Sprachzeichen „der alte mann“ erfolgt nicht willkürlich, sondern unterliegt einer ganz bestimmten Reihenfolge, die dem Leser die rascheste Sinnerfassung ermöglichen soll.

Im „Fragment vom Wort“ setzt Körner seine Theorie in die Praxis um. In den visuellen Texten auf den Karteikarten modifiziert er immer wieder diese „linearen additiven reihen“ und eröffnet dem Leser somit gedanklichen Spielraum. Dabei arbeitet Körner mit Lücken, Begrenzungen, Hervorhebungen, Unterbrechungen und Wiederholungen, Änderungen der Leserichtung usw. Im „Leseraum“ im „Fragment von der Arbeit“ erläutert Körner den Zweck der jeweiligen Modifikation.

 


[1] Visuelle Poesie. Anthologie von Eugen Gomringer. Von der konkreten Poesie zur visuellen Poesie. Reclam; Stuttgart 1996, S. 9ff.

[2] Klaus Peter Dencker: Von der Konkreten zu Visuellen Poesie - mit einem Blick in die elektronische Zukunft. In: Text+Kritik. Visuelle Poesie. Hg. von Heinz Ludwig Arnold. edition text + kritik Gmbh, München 1997 (Sonderband IX/97), S.175.

[3] Heinz Gappmayr: Konstituenten visueller und konzeptioneller Texte. In:Text+Kritik. Visuelle Poesie. Hg. von Heinz Ludwig Arnold. edition text +kritik Gmbh, München 1997 (Sonderband IX/97), S. 82ff.

(Susanne Sonnleitner)

 


FRAGMENT VOM WORT: 2 ANERKENNUNG

Ich möchte Paul-Gerhard Schwidurskis Kommentar zu 2 Anerkennung aufgreifen und habe mir ebenfalls Gedanken gemacht, in welchem Sinnzusammenhang „ d! d! r! “ in der von Körner gewählten Schreibweise zu verstehen ist.

Paul-Gerhard Schwidurski weist in seinem Kommentar auf die Irritation hin, die die Schreibweise beim Leser auslöst. Körners Erläuterungen im „Leseraum“ im „Fragment von der Arbeit“ könnten Licht ins Dunkel bringen: Wie so oft verlässt Körner in seiner Arbeit das Terrain der additiv linearen Reihe. In diesem Fall bedeutet das, dass er die starre links-rechts Leserichtung ändert, und stattdessen diagonal von oben nach unten gelesen wird. Dadurch, dass jeder Buchstabe versetzt in einer separaten Zeile steht, entstehen Lücken. Diese Lücken (und die Ausrufezeichen nach jedem Buchstaben) erzeugen beim Leser ein starkes Gefühl von Nachdruck. Automatisch entsteht auch eine kleine Lesepause durch die Lücken, die diese Wirkung verstärken. Man stelle sich zum Vergleich die gleiche Schreibweise in nur einer Zeile vor (der Ausdruck DDR wäre dann wesentlich flüssiger zu lesen). Der Nachdruck bezieht sich auf die Forderung der DDR nach Anerkennung als eigener Staat.

Die diagonale Schreibweise kann nach Körner unterschiedliche Wirkungen haben. Da in diesem Fall von oben nach unten gelesen wird, entsteht beim Leser (bei mir) am ehesten der Eindruck des Versickerns bzw. der Erlahmung. Das „Fragment vom Wort“ (und somit die Karteikarte „Anerkennung“) ist 1969 bzw. 1971 entstanden, in einer Zeit, in der die DDR sich bemühte, das Zwei-Staaten-Konzept durchzusetzen und Souveränität zu erlangen. Auf diese Forderung weist Körner in seiner ironischen Beschreibung zur Anerkennung hin („von düsenjägern in den wind geschrieben“). Dass es sich wohl um jahrelange, sicher durchaus langwierige Bemühungen und auch Diskussionen handelte, könnte Körner mit seiner gewählten diagonalen von oben-nach unten Schreibweise gemeint haben. Absteigende oder auch ermüdende Diskussionen kommen da einem in den Sinn.

(Susanne Sonnleitner)

 


FRAGMENT VOM WORT: 10 SCHLAGZEILE

Über den Slogan „Kumpel kämpfen um Kohle“ wurde ja schon viel diskutiert. Ich denke, wir können uns darauf einigen, dass er sich auf eine (welche auch immer) Energiekrise in der DDR bezieht. Die „Schlagzeile“ (Nr. 10) ist hinsichtlich ihrer optischen Schreibart besonders interessant zu analysieren, weil sie eine Vielzahl an visuellen Elementen vereint. Zunächst fällt die weiße Schrift auf schwarzem Hintergrund auf. Das wirkt plakativ, was zur „Schlagzeile“ passt, und bedrohend, was zu Körners Hinweis „Menetekel“ passt.

Körner arbeitet auch hier wieder mit Lücken, die sich sowohl am Anfang, in der Mitte als auch am Ende einer Zeile befinden. Auch spielt er mit der Leserichtung: sowohl die Kolumnenschreibung als auch die diagonale Schreibart kommen hier zur Anwendung. So kann etwa von oben nach unten gelesen werden: „kohlenkumpel kämpfen um kumpelkohle“ oder diagonal gelesen: „kämpf kumpel um kohle kämpf“. Was bewirkt die geänderte Leserichtung? Sie ist umständlicher und verlangsamt das Lesetempo. Da die Kolumnenschreibung oft angewandt wird, um Vergleiche/Gegensätze darzustellen, könnte sich der letzte Teil wie folgt lesen: „umkohlen vs. umkumpeln, kumpel vs. kohle, kämpfe vs. kämpfe“, was so interpretiert werden könnte: Es wurde nicht nur um jede Tonne Kohle gekämpft, sondern auch um jeden Kumpel (Mobilisierung aller zur Verfügung stehender personeller Ressourcen). Die selbe Kolumne kann aber auch von unten nach oben gelesen werden: „kämpfe kumpel umkohlen“ und „kämpfe kohle umkumpeln“.

Körner nähert sich dem Slogan „Kumpel kämpfen um Kohle“ in auch fragmentarischer Weise. Er wirft dem Leser einzelne Wörter bzw. Wortfetzen hin und schafft dabei neue Wortkonstruktionen, wie umkohlen, umkumpeln oder kohlenkumpel. Als einzelne Wörter erscheinen diese Kreationen sinnlos, aber sie gehören zu einem größeren Ganzen (nämlich dem Slogan) und werden auch so gehört. Interessant ist, dass Körner ausschließlich mit Sprachzeichen aus diesem einen Slogan spielt.

Was Körner mit seiner „Schlagzeile“ schafft, ist ein integriertes Lesebild, das nicht nur durch die oben beschriebenen Elemente zum Hinsehen anreizt, sondern in seiner Ganzheit eine optische Figur, eine Silhouette, entwirft. Die Idee, es könne sich dabei um einen Bergmann handeln, wurde bereits aufgeworfen. Oder die Figur ist dem Berliner Lenindenkmal (oder einem Teil davon) nachgeformt. Körners Kommentar dazu lässt dies vermuten. Diese Karteikarte entpuppt sich bei näherer Betrachtung als wahre „Sinnsuche“ und macht deutlich, wie Lesen zum geistigen Vorgang werden kann.

(Susanne Sonnleitner)

 


FRAGMENT VOM WORT: 19 SPRUCHBAND

Körner schmückt in seinem „Spruchband“ das zu DDR-Zeiten schier undurchdringbare Brandenburger Tor mit „bunten Luftballons“ und mit den Worten „dasmeerebendasmeeristdasmeereben“. Um die Interpretation des Kollegen P.G.S. aufzugreifen, ist mit dem Meer der von Ostberlin aus gesehene Westen gemeint. Deutet man den Spruch vom visuellen Standpunkt aus, fällt dem Leser sofort eine gewisse Leichtigkeit auf: die Worte sind lückenlos aneinandergereiht (eben wortwörtlich als SpruchBAND) und nicht etwa an Zeilen fixiert. Die Buchstaben „tanzen“ fast melodiös auf und ab und es scheint so, als würde das Band leicht nach oben flattern.

Diese Art der visuellen Darstellung eröffnet für mich zwei unterschiedliche Interpretationen: Zum einen sehe ich die Wellenbewegung des „Meeres“, zum anderen ist das Flattern des Spruchbandes an den Luftballons äußerst treffend bildlich dargestellt. Alles in allem für mich sehr stimmig.

Die Art der visuellen Darstellung deutet in mehrerlei Hinsicht auf einen positiven Konnex zum „Meer“ Westberlin hin: Die Loslösung von der geradlinigen, strengen Zeile hin zu den tanzenden Buchstaben vermittelt Leichtigkeit, der Leser ist beinahe dazu geneigt, die Worte zu singen, so melodiös erscheinen sie in ihrer Darstellung. Körners Kommentar verrät, dass das Spruchband an bunten Luftballons festgemacht ist, was wiederum Fröhlichkeit impliziert.

In seinem Spruchband arbeitet Körner mit Kleinschreibung und verzichtet auf Interpunktion sowie Hervorhebungen, setzt aber auf Wiederholung. Ich denke auch, wie mein Kollege P.G.S., dass man sich das Spruchband gesagt bzw. gedacht vorstellen muss, als hinge der DDR-Bürger seinen Gedanken nach („dasmeerebendasmeeristdasmeereben“). Damit bleibt Körner selber einem seiner Prinzipien treu, nämlich jenem: „wer halbe sätze denkt sollte sie so hinschreiben daß man sieht was fehlt“.

(Susanne Sonnleitner)

 


FRAGMENT VOM WORT: 40 ANFEUERUNG

In Nr. 40 „Anfeuerung“ stellt Körner offenbar ein sportliches Ereignis, einen Wettkampf, dar. Schauplatz des Geschehens ist der Marx-Engels-Platz oder – wie er heute heißt – Schlossplatz in der Mitte von Berlin.

In Form eines Trichters (oder auch stilisiert als Megaphon) sind Begriffe in Zusammenhang mit Anfeuerung angeführt, etwa: gib gas, vorwärts, loslos. An der engsten Stelle des Trichters sind die Begriffe eng, mit wenig Zeilenabstand, untereinander gereiht, was das Lesetempo steigert und auf einen gewissen Druck hinweist. Je weiter sich der Trichter öffnet, desto größerer wird auch der Zeilenabstand zwischen den Begriffen. Die Kolumnen lesen sich „langsamer“, „lockerer“ und mit Pausen dazwischen. Am Ende des Trichters sind die Begriffe „bravo“, „prima“, stimmung“ und „hurra“ angeführt, was auf das Ende eines Durchgangs hinweist. Die Spannung ist vorüber, das Publikum atmet auf.

Der Trichter mutet kartografisch an, es sind Meridiane und Breitengrade eingezeichnet, und mit einem Countdown (zehn, neun, acht, sieben) beschriftet. Der Trichter befindet sich vor einem Hintergrund (blau), der an das chinesische Denkspiel Tangram erinnert, bestehend aus geometrischen Formen wie Dreiecke, Quadrate. Die architektonisch soziale Moderne der DDR mit ihrer Geometrieverliebtheit spiegelt sich genau hier wieder. Wenn man sich zudem am damaligen Marx-Engels-Platz umsieht, stößt man unweigerlich auf den Palast der Republik mit seiner markanten geometrischen Glasfront, die in Körners Bild stilisiert wiedergegeben sein könnte.

(Susanne Sonnleitner)

 


Schlussbetrachtung

Die Analysen der einzelnen Bearbeiter/innen haben u.a. gezeigt, auf welche Art und Weise Thomas Körner in diesem Teil des Fragmentromans „Das Land aller Übel“ einen Beitrag zur Aufarbeitung der DDR-Geschichte leistet. Immer wieder kommt in den einzelnen Teilen des Fragments vom Wort zum Vorschein, wie Propaganda und Ideologisierung wesentlicher Bestandteil des öffentlichen Sprachgebrauchs in der DDR waren.

Bei näherer Betrachtung von einigen Teilen von Körners Fragment vom Wort kann man wohl sagen, dass Körner die DDR als Sprachanstalt durchaus treffend und erfolgreich aufs Korn genommen hat. Allerdings erfordern Körners Texte von den Lesern einiges an Interpretationsarbeit. Eine gewisse Breite des Gedankenspektrums der Bearbeiter/innen hat vielleicht ein bisschen dazu beigetragen, dass diese bei z.T. sehr unterschiedlichen Vorgehensweisen z.T. ziemlich unterschiedliche Dinge herausgefunden haben.

Allerdings haben die Beiträger und Beiträgerinnen von den 50 Teilen des Fragments vom Wort nur einige analysiert und kommentiert. Doch selbst in den Teilen des Fragments vom Wort, die analysiert und kommentiert wurden, könnten durchaus noch weitere verborgene, aber entdeckens- und erwähnenswerte Aspekte schlummern. Insofern ist die ganze Deutungsarbeit vielleicht ein wenig fragmentarisch geblieben. Sozusagen also eine fragmentarische Analyse eines Fragmentromans... Diese Tatsache der Unvollständigkeit lädt aber gleichzeitig auch dazu ein, zu einem späteren Zeitpunkt in irgendeiner Form fortzufahren.

Körners Werk ist eindeutig auf die DDR bezogen. Jedoch gab und gibt es immer noch Diktaturen, welche u.a. zur Herrschaftssicherung sich eines ähnlichen öffentlichen Sprachgebrauchs bedienen, wie dies in der DDR der Fall war. Vielleicht könnte ein durch Körners Kritik am öffentlichen Sprachgebrauch in der DDR geschärfter Blick später in irgendeiner Form diese Analyse-, Interpretations- und Kritikfähigkeit auch an anderer Stelle einmal anwenden.

(Paul-Gerhard Schwidurski)