Fragment vom Wort / 4 SINN UND FORM

Jeder aufgelistete Titel entspricht weitestgehend dem Namen von Tageszeitungen oder Magazinen in der DDR beziehungsweise kommunistischer Presseorgane der BRD („Freies Volk“: Zentralorgan der Kommunistischen Partei Deutschlands). Einzig ‚zb am abend‘ hat es so nicht gegeben – dafür die „BZ am Abend“ (leicht zu verwechseln mit der „B.Z.“, einem Boulevardblatt aus dem Hause Springer), oder es ist ZB als Abkürzung für „Zeit im Bild“ gemeint.

Wohingegen die meisten Titel zweifelsohne parteiideologischer Zensur und Meinungsmache unterlagen bzw. aus diesem Grund überhaupt gegründet worden sind, fällt ein Titel mehr oder weniger aus der Reihe:

SINN UND FORM galt als vergleichsweise liberales Kunst- und Kulturmagazin, das nicht als politisches Presseorgan publiziert wurde und daher grundsätzlich nicht der strengen Zensur unterlag. Somit waren Redakteure frei in der Entscheidung von Konzept und Inhalt (und druckten junge Autoren, die von den konventionellen Verlagen abgelehnt worden waren), allerdings sind die Artikel nachträglich durch das Kulturkomitee der SED bewertet und ggf. abgestraft worden. Andererseits kann die vermeintliche Liberalität auch als beschwichtigendes Aushängeschild seitens der DDR gelesen werden, um das Image nach außen wieder zu heben. Dass also die SED lieber ungewollte Künstler zu Wort kommen ließ und die Gefahr des Selbst- und Andersdenkens in Kauf nahm, als sich nachsagen zu lassen, sie kneble und unterjoche (geistig) ihre Bürger.

‚die titelnachbildungen der zeitungen und zeitschriften‘, also im Prinzip die Vervielfältigungen ein und desselben Produkts, verweisen auf eine vorgegaukelte Vielfalt, die es tatsächlich nicht gegeben zu haben scheint. Es wird letztlich eine geistige Freiheit ‚in alle richtungen‘ suggeriert, die de facto nicht greifbar war. ‚SINN UND FORM‘ klaffen hier also weit auseinander, wenn sie als „Inhalt und Titel“ bzw. „das, was tatsächlich zu lesen ist, und das, was der Name der Zeitung vorgibt“ verstanden werden.

Der Berliner Verlag muss wohl stellvertretend für die gesamte DDR-Presse herhalten, aus seinem Haus stammen auch tatsächlich viele der genannten Produkte. An der Kopfseite des Gebäudes verweisen (heute zumindest) große Anzeigetafeln auf die Presseerzeugnisse des Hauses, eine erleuchtete Drehscheibe auf dem Dach strahlt(e?) den Namen des Verlagshauses in alle Himmelsrichtungen.

(Melanie Nagel)