Ergänzung

Da das Fragment Nr.10 1969/71 verfasst wurde, erübrigt sich die Energie-Katastrophe 78/79 als konkreter Hintergrund; dennoch dienen die angeführten Aspekte dazu ein allgemeines Bild der immer wiederkehrenden Energieengpässe und Kohleknappheiten in der Geschichte der DDR zu visualisieren. Neben der Suche nach Indizien auf ein explizites historisches Ereigniss in Form einer Katastrophe, bietet sich zudem ein Fokus auf die bereits zuvor erwähnten sakralen Aspekte im Fragment. In diesem Kontext findet sich auch ein weiterer historischer Bezug.

Sakrale Aspekte: das Menetekel: eine Art Omen, Warnruf; in Anlehnung an die alttestamentarische Erzählung „Das Gastmahl des Belsazar“; diesem erscheint im Anschluss an sein frevlerisches Verhalten an der dunklen Wand eine rätselhafte Feuerschrift (das Menetekel), welche daraufhin vom Propheten Daniel als Warnruf für das bevorstehende Ende des Königtums von Belsazar gedeutet wird (dieses biblische Motiv wurde unter anderem von Rembrandt bildnerisch dargestellt); in diesem Kontext könnte man den „Kampf um die Kohle“ in ähnlicher Weise als das Omen der DDR betrachten. Hierzu kommt, dass die Figur des Kumpels als Motiv eines Triptychons erscheint. Diese beinhalten zumeist religiöse, prophetische und auch zeitlich entkoppelte bzw. zyklische Darstellungen, oft mit universeller symbolischer Bedeutsamkeit. Zudem enthalten die als Altäre genutzten Triptychen in der Regel eine optisch schlicht gehaltene Alltagsseite und eine prunkvolle Festtagsseite, welche nur an bestimmten Feiertagen gezeigt wird. Man könnte den „Kampf um die Kohle“ als Ereignis mit zyklischem Charakter betrachten, als wiederkehrendes Schicksal der DDR.

Versucht man den „Kampf um die Kohle“ vor einem religiösen Hintergrund zu deuten, so erhält er eine einschlägige Dualität, denn er ist zugleich Untergang als auch Erlösung und die Entscheidung wird im Kampf ausgetragen. Die Bevölkerung wird auf den Prüfstand gestellt und sie setzt sich durch. Tatsächlich gab es natürlich keinen Mythos von der großen Kohlekanppheit, der jährlich mit der Enthüllung des Kumpel-Triptychons gefeiert wurde und auch keinen religiösen Volkskult, der den Tag der Kohleknappheit auf eine Stufe mit dem Tag des Jüngsten Gerichts stellte. Was es jedoch seit 1951 gab, war der „Tag des deutschen Bergmanns“ (ab 1975 Tag des Bergmanns und des Energiearbeiters). Dieser Ehren- und Gedenktag wurde in der DDR an jedem ersten Sonntag im Juli abgehalten. An diesem Tag gab es beispielsweise das Bergmannstreuegeld, auch als Dividende bezeichnet, und es wurden verschiedene Zeremonien abgehalten, bei denen unter anderem Abzeichen verliehen wurden. Das Fragment Nr. 10 könnte in diesem Zusammenhang auch als überspitzte Darstellung dieses Feiertages interpretiert werden und im Zentrum steht ein Triptychon am Leninplatz, das den „Kampf um die Kohle“ in mythisch sakraler Weise verklärt.

(Johannes Andreas Maximilian Späth)