Fragment vom Wort / 10 SCHLAGZEILE

Das Fragment Nr. 10 thematisiert ein entscheidendes Charakteristikum der DDR. Mit der Braunkohle als wichtigstem Primärenergieträger und folglich als energiewirtschaftlichem Fundament, war die DDR (im Gegensatz zur BRD) in der Lage, den Großteil ihres Energiebedarfs mit eigenen Rohstoffen abzusichern. Zudem trat die DDR als größter Braunkohleproduzent der Erde auf und deckte zeitweise bis zu einem Viertel der weltweiten Braunkohleproduktion.Der Kampf der Kumpel, also der Bergarbeiter, um Kohle deutet grundsätzlich auf besondere Verhältnisse im Bereich der Kohleproduktion hin.

Zwar kam es in der Geschichte der DDR immer wieder zu erschwerten Verhältnissen im Zusammenhang mit dem Kohle-Tagebau, jedoch könnte man das Fragment Nr. 10 beispielsweise vor dem Hintergrund konkreter Vorfälle zum Jahreswechsel 1978/79 betrachten. Zu diesem Zeitpunkt kam es in der DDR aufgrund von Temperaturen von fast 30 Grad minus und Dauerschneefall zu einer kleinen Energiekatastrophe. In der Folge blieben zahlreiche mit Braunkohle beladene Güterzüge im Schnee stecken, die Kohlegruben froren zu und es kam in weiten Teilen des Landes zu „Flächenabschaltungen“ (dies betraf selbstverständlich weder den Palast der Republik noch den Todesstreifen), da die Rohstoff-Reserven der Energie-Versorger schnell aufgebraucht waren.Im Zuge dessen kam es zur allumfassenden Mobilisierung der 120.000 in der DDR beschäftigten Bergleute sowie tausender Volksarmisten und -polizisten.

In Analogie zu dem von Körner verwendeten Satz „Kumpel kämpfen um Kohle“ lautete der Fronteinsatz einer Panzereinheit, die in den Braunkohletagebau Nochten abberufen worden war: „Kampf um jede Tonne Kohle“.

Körners Wort-Modulationen „Kohlenkumpel“ und „Kumpelkohle“ erhalten vor dem Hintergrund, dass der Kälteschock von Seiten der DDR ein Ersuchen um Unterstützung an den Westen zur Folge hatte, eine erweiterte Bedeutsamkeit. So könnte der Kumpel hier nicht mehr den Bergmann bezeichnen, sondern den (angeblichen) Freund, wobei durch die charakteristische Zusammensetzung des Wortes „Kohlenkumpel“ der Eindruck suggeriert wird, dass es sich dabei um eine oberflächliche, rein pragmatische und auf diesen spezifischen Bereich beschränkte Beziehung handelt.

Die Rückseite spricht von einer„Skulptur der Schrift“. Betrachtet man die Silhouette der auf den ersten Blick etwas strukturlos anmutenden Sätze, Wörter und Wortkombinationen, so beginnt diese durchaus Konturen anzunehmen. Im Hinblick auf den in verschiedenen Variationen repetierten Satz „Kumpel kämpfen um Kohle“ könnte es sich bei der aus den Wörtern geformten Figur um eine kämpfende Gestalt handeln,spezifischer um einen Kumpel, also „Bergmann“, der sich in einem dynamischen (kämpferischen) Prozess des Kohleabbaus befindet. Der angedeutete Gegenstand in der linken Hand (Figur zur rechten Seite hin nach vorne blickend) könnte demnach eine Bergarbeiter-Spitzhacke (Pickel) darstellen. Die Figur soll „frei im Raum und doch statisch“ wirken. Hier findet sich das Problem wieder, anhand einer Skulptur (durch ihr statisches Wesen) einen dynamischen Prozess einzufrieren, ohne dass die Wirkungskraft der Dynamik verloren geht. Doch dies ist eine andere Diskussion.

Ein wesentlich interessanterer Aspekt findet sich darin, dass es sich bei diesem Gebilde um den Mittelteil eines Triptychons handelt, da diese zumeist sakralen Inhalts sind und beispielsweise als Altarbilder fungieren. Der Ausnahmezustand hatte zur Folge, dass der Einsatz der Bergmänner und uniformierten Helfer, die zum Teil provisorisch in Turnhallen und dergleichen untergebracht wurden, sowie auch die Unterstützung der Zivilbevölkerung von Seiten der Presse enorm glorifiziert wurden. Vereinzelte Leistungen wie etwa, dass im Braunkohlenkombinat Regis durch die Entlastung durch 1300 uniformierte Helfer, trotz der Witterung, statt des Plansolls von 220.000 Tonnen sogar 27.000 Tonnen Rohkohle gefördert wurden, trugen selbstverständlich zu diesem Heldenkult um die Arbeiter und den Lobgesang auf den Zusammenhalt der Bevölkerung und der Überwindung der Katastrophe durch die gemeinsame Arbeit bei. Vor diesem Hintergrund könnte man das Triptychon mit dem Motiv des schuftenden und kämpfenden Kohlekumpels als Persiflage auf dieses verklärte Bild einer sozialistischen Menschengemeinschaft (mit dem Heiligenstatus des Arbeiters) sehen, das die Medien so gekonnt zu propagieren wussten, doch das außerhalb der Krise weniger der Realität entsprach.

(Johannes Andreas Maximilian Späth)