Fragment vom Wort / 9 REIHENFOLGE

Es hat in der DDR offizielle Friedensbewegungen gegeben, die staatlich überwacht wurden, um sicherzustellen, dass sie weltpolitisch-humanitär ausgerichtet blieben und sich nicht regimekritisch entwickelten. Eine starke Basis alternativer bürgerlicher Friedensbewegungen lag im Kirchenwesen, auch wenn sich durch Interessensgegensätze differente Gruppierungen herausbildeten. Allerdings entwickelte sich dies zunächst zögerlich, da die SED-Propaganda sich bald selbst allgemeine Friedensliebe auf ihre Fahne schrieb – somit also alternative Bewegungen unterlief und deren Ideale für sich beanspruchte zum Zwecke ihrer Herrschaftslegitimation.

Die ‚friedensfahrt‘ kann als eine solche staatspolitische Initiative verstanden werden. Sie galt quasi als das von den Ostblockstaaten initiierte Pendant zur westlichen Tour de France und war eine Massensportbewegung vor der inhaltlichen Friedensfolie. Die Ortsangabe ‚zwischen frankfurter tor
und strausberger platz in beiden richtungen‘ verweist auf die Karl-Marx-Allee, eine repräsentative Prachtstraße, die durch gigantische sozialistische Bauten den eigenen Bürgern sowie der Welt die Großartigkeit des Sozialismus vorführen sollte.

Eine unabhängige Organisation nach westlichem Vorbild nannte sich „Frauen für den Frieden“, eine andere „Friedensfrauen“. Grundsätzlich hatten sie feministische Züge und forderten Geschlechtergleichberechtigung, setzen sich aber auch und vor allem für Völkerfrieden und Abrüstung ein. Da diese (auch offiziell) in der DDR gutgeheißen wurde, entschieden sich DDR-Frauen, ein ostdeutsches Gegenstück zu organisieren – aus der Überlegung heraus, man könne sie dann ja nicht für ihren Aktionismus bestrafen, wenn die westdeutschen Frauen heldenhaft bejaht wurden. Als Oppositionelle enttarnt wurden dann aber doch einige (auch aus der Kunstszene stammende) Aktivistinnen vom MfS überwacht und teilweise inhaftiert.

An das allgemeine Kunstverständnis von Moderne und Avantgardismus zu Beginn des 20. Jahrhunderts, das durch den Zweiten Weltkrieg (Stichwort entartete Kunst) in Deutschland unterbrochen wurde, konnte in Westdeutschland nach dem Krieg wieder angesetzt werden. In der DDR hingegen wurde diese Entwicklung unterbunden, da bildende Kunst bald kollektivistisch vereinnahmt und in den Dienst der Staatspolitik gestellt wurde. Kunst sollte insbesondere ästhetisierend und emotionalisierend zugunsten eines Kollektivempfindens und der Popularisierung des sozialistischen Gedankens wirken. Also genau gegenteilig dem Credo der Moderne doch wieder einem Zweck unterstellt sein. So wurde z.B. Kinder- wie Erwachsenenliteratur politisch ideell unterfüttert.

Gleichzeitig empfand die SED Kunstschaffende jeglicher Art als potentiell staatsfeindlich und womöglich sah sie diese Gefahr auch bei Heranwachsenden, denen sie nicht von klein auf die gewünschte Denke infiltrierte. (Politische) Frauen, (nonkonforme) Künstler und (noch ungeformte und später evtl. anders denkende) Kinder stellten somit ein großes Konfliktpotential dar, auf das kulturpolitisch eingewirkt werden musste.

Die Kartei Körners beinhaltet zunächst ein Art fiktives Buchcover, welches typografisch (Regenbogen als christliches Friedenszeichen, Großschreibung, Laufweite) wie rhetorisch (Reihenfolge der Wortnennungen: ‚FRAUEN‘ – ‚FRIEDEN‘ – … – ‚daspolitbürounddassekretariat des zk‘) den Friedensaspekt hervorhebt. Im zweiten Teil der Hinweis auf eine Verkehrung ins Gegenteil: ‚REIHENFOLGE‘. Ein Verweis darauf, dass der behauptete Initiator positiver gesellschaftlicher Agitationen nicht wirklich der Staat gewesen ist, sondern sich dieser aus Kontroll- und Manipulationszwecken eben jenen ermächtigte und für sich beanspruchte.

Im Ganzen deutet alles darauf hin, dass sämtliche vom Staat als vermeintlich positiv zu bewertenden (Friedens)Initiativen letztlich nichts anderes sind als Augenwischerei mit Ideenklau: Um die Gefahr der (Intellektuellen-, Jugend-, Frauen-) Opposition zu minimieren, adaptierte man einfach deren Ideale respektive Methoden und machte sie für sich nutzen. Als angeblicher „Herausgeber“ friedlicher und freiheitlicher Überzeugungen glaubte wohl die Staatsführung jede Gefahr als abgewandt und ins Gegenteil verkehrt zu haben. Fragt sich nur, wer der „Leser“ ebenjenes Buches sein soll.

(Melanie Nagel)