Inhalt

Thomas Körners 'Fragment vom Wort. DDR - eine Sprachanstalt'

von Melanie Nagel, Paul-Gerhard Schwidurski, Susanne Sonnleitner, Johannes Andreas Maximilian Späth, Catharina Stettin

Das 50 Einzeltitel umfassende Fragment vom Wort ist vielgestaltig, facettenreich und komplex. Inhalt und Form, graphisch wie schriftbildlich, variieren stark und brechen mit jeder Leseerwartung. Sie bestehen jeweils aus einem ersten/ oberen/ vorderen Teil, der einem Fundstück gleicht und mal Collage, Zeichnung, Photographie, Text-Bild oder Bild-Text sein kann. Der zweite/ untere/ hintere, rein schrifttextliche Teil enthält eine Überschrift, häufig realgeographische Ortsangaben und ergänzende Inhalte.

 Allen Karteikarten gemein ist darüber hinaus, dass jeweils das Wort im Fokus steht und als Indiz fungieren kann, das Arrangement, das das Wort umgibt, zu entschlüsseln, zu brechen, zu komplettieren, in einen Sinnzusammenhang zu setzen. Das Wort kommt in Gestalt von Signifikant oder Signifikat, Täter oder Opfer, Formel, Synonym, Attribut oder Chiffre. Gleichzeitig kann das Wort im Ganzen des Fragmentromans als vielleicht das Grundlegende, Essentielle gelten. Als komplexe schriftsprachliche Basis, aus derer Elemente die vielleicht noch komplexeren weiteren Fragmente ihre Substanz ziehen und auf die sie rekurrieren.

Die DDR als Sprachanstalt zu begreifen kann (mindestens) zweierlei bedeuten: Sie als eine Institution zu fassen, die Worten Quartier gibt insofern sie sich objektiver Worte dienlich macht und sie subjektiviert. In Form eines ritualisierten Repetierens von Worten setzt sich eine Institutionalisierung in Kraft, durch welche sich die DDR identifiziert und definiert. Oder zweitens: Als Wortindustrie, deren Wortneuschöpfungen noch bis ins Jetzt hineinragen.

Wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, die politischen, historischen, gesellschaftlichen, geographischen, kulturellen u.a. Hintergründe aufzuspüren, von denen jeweils die Karteikarteninhalte handeln (könnten). In detektivischer Manier versuchen wir Informationen aufzuspüren, die der möglichen Lesart der Karteien zuträglich sein könnten – gleichwohl wir jeweils bloß mögliche Varianten offerieren und keinesfalls interpretatorische Allgemeingültigkeit beanspruchen wollen.

Unsere Herangehensweisen variieren dabei vermutlich ebenso stark wie die Inhalte der jeweiligen Karte: Für mich (Melanie) fungiert die Rückseite als Anker der Vorderseite, welcher für sich genommen zunächst alles oder nichts bedeuten könnte. Erst durch die Ergänzung / Erweiterung um die Rückseite erfährt die vordere eine Kontextualisierung und Konkretisierung und erst durch die rückseitigen Informationen entwickelt sich je nach Karteikarte für mich die Idee einer möglichen Leseweise der vorderen. Catharina lässt zunächst den Bildteil auf sich wirken und widmet sich anschließend separat dem Textteil. Dadurch vermeidet sie, in präformierter Bahn zu denken und ermöglicht eine differenzierte, uneingeschränkte gedankliche Herangehensweise an die Inhalte.

Anhand der gegebenen Informationenbruchstücke haben wir einerseits versucht, jene sachlichen Lücken zu schließen, die sich all jenen Lesern auftun, welche die DDR nicht aus erster Hand und am eigenen Geist und Leib erfahren haben. Gleichzeitig haben wir uns bemüht, Kraft unseres Assoziations- und Abstraktionsvermögens die Brücke zwischen Geschriebenem und Gemeintem zu schlagen.

Die folgenden Beiträge sind chronologisch ihrem Auftreten im Fragment vom Wort nach geordnet und jeweils in Eigenregie verfasst worden. Eine Verknüpfung der Inhalte respektive der Ergebnisse des Vorhabens ist in einem abschließenden Schlussteil angedacht. Ergänzungen, Erweiterungen, Kommentare und Kritiken sind ausdrücklich erwünscht.

(Catharina Stettin, Melanie Nagel)