Spruchband

Orte  und  Un-Orte  in  Körners  Fragmentroman – Eine  „Topologie“ des „Landes  aller  Übel“

von Kristina Maria Eisermann

Alexanderplatz, Brandenburger Tor, die Straße Unter den Linden: Drei Orte, die Deutschland und die Welt mit Berlin und dessen Rolle in Geschichte sowie Politik assoziieren. Seit einigen Jahrhunderten sind es diese Anlagen wie auch Gebäude, die durch ihren repräsentativen Charakter Medien verschiedentlicher Botschaften wurden.

 Zwischen dem 18. und 19. Jahrhundert errichtet, standen sie für Prunk, Macht, andererseits für gesellschaftliche Umbrüche. Verkamen besagte Orte in der jüngeren Historie zu Zeugen der verheerenden Auswirkungen des 2. Weltkrieges, anschließend der Teilung Deutschlands, avancierten insbesondere Alexanderplatz und Brandenburger Tor zu Symbolen der friedlichen Revolution im Herbst 1989, später dann der Wiedervereinigung Deutschlands. Neben etlichen anderen Örtlichkeiten finden sich oben genannte Anlagen sowie Gebäude im Fragmentroman Das Land aller Übel von Thomas Körner wieder.

Bereits Romantitel und Titulierung des Fragments 1, „DDR – eine Sprachanstalt : Fragment vom Wort“, – um Letzteres soll es folglich primär gehen – verführen zu dem Schluss, Körners Werk vergegenwärtige die Deutsche Demokratische Republik. Glaubt man dem Autor, so handelt es sich allerdings lediglich um den Entwurf von Utopia – einer dem griechischen Stammwort entsprechenden Nicht-Örtlichkeit, der in naher Verwandtschaft zur Utopie überdies auf das Konstrukt einer fiktiven Gesellschaftsordnung hinzuweisen vermag.

Vor dem Hintergrund von Titulierungen, Autorenintention, aber auch der erhobenen Zeigefinger hinsichtlich interpretatorischer Irrwege, nimmt die Verwunderung ihren Lauf, gerät korrespondierend mit Fragmentteilen wie

SPIELREGEL

zeilenweise sich aufbauend
bis zum stehenden bild
danach auslöschung und neuanfang
rote buchstaben
leuchttafel am alexanderplatz
gegenüber dem haus des lehrers

und

19

SPRUCHBAND

an bunten luftballons
über dem brandenburger tor

oder

22

KLEINERES RAHMENPROGRAMM

konzertant aufzuführen
im apollosaal der staatsoper
unter den linden

– die eingangs beschriebene Örtlichkeiten augenscheinlich zitieren – schließlich zur Verwirrung.

Ist es also möglich, dass dieser Rekurs auf realhistorische Orte, der sich übrigens nicht in Fragment 1 erschöpft, nichtsdestoweniger auf Ostberlin – folglich die DDR – als Dreh- und Angelpunkt des Romans hindeutet? Gereicht der Rekurs vielleicht zu einer „Topologie“ des Landes aller Übel? Wie sollen, wie müssen, Autorenintention, Titulierung des Fragmentromans und des Fragments 1 sowie die vorangegangen Exempel realhistorischer Bezüge verstanden werden? Wie kommt die Auflistung real existierender Orte mit der Absicht die DDR als Traumland zu behandeln überein? Wie mit der Überschrift „DDR : Eine Sprachanstalt : Fragment vom Wort"? Ergeben sich eventuell Paradoxien? – eine beträchtliche Anzahl an Fragen drängt sich beim Rezipieren von Körners Fragmentroman auf.

 

I

Nach Auffassung des französischen Ethnologen und Anthropologen Marc Augé haben Orte mindestens drei Merkmale gemein. Sie sind identitätsstiftend, relational -/ beziehungsstiftend und historisch. Im Kasus der Nachkriegszeit, infolge der Untergliederung durch die Siegermächte USA, Großbritannien mit Irland, Frankreich sowie die Sowjetunion gemäß der Besatzungszonen in vier Sektoren, ab 1949 der Gründung der Bundesrepublik Deutschland im Westen Deutschlands sowie der Deutschen Demokratischen Republik im Osten Deutschlands und des Mauerbaus von 1961, büßte Berlin diese Funktionen weitestgehend ein.

In Bezug auf die vormalige Bedeutung Berlins, als Hauptstadt des Deutsches Reiches in der Kaiserzeit, vor allem aber als Fixpunkt wahnwitziger Pläne Adolf Hitlers und Albert Speers zur Umgestaltung in die „Welthauptstadt Germania“ während des Nationalsozialismus, sollte die Teilung Berlins wohl zudem einen symbolischen Akt, welcher die endgültige Zerschlagung des NS-Regimes akzentuierte, darstellen. Dies implizierte den Verlust eines sowohl identitäts- und beziehungsstiftenden, als auch historischen Territoriums für die deutsche Gesamtbevölkerung.

Wenngleich von Berlin als von einer Nicht-Örtlichkeit keine Rede sein kann, ähnelte die Stadt nach dem 2.Weltkrieg gewissermaßen einem Un-Ort. Was damit einherging war eine Ortlosigkeit, welcher sich die Menschen der Nachkriegszeit unterworfen sahen, bis neue Institutionen der Identitäts- und Beziehungsstiftung das althergebrachte Selbstverständnis substituierten. Dass dieses Unterfangen ostseitig sogar in einer neuen, ideologisch gefärbten Geschichtsschreibung kulminierte, ist hinreichend bekannt.

 

II

Da aufgrund des Vier-Mächte-Status – laut dem der sowjetische Sektor nicht zur Sowjetischen Besatzungszone gehörte – der Ost-Teil Berlins lange gesetzliche Grauzone blieb, ist der Dysphemismus Un-Ort indes auch isoliert auf Ost-Berlin anwendbar. Obschon proklamierte Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik und Sitz der Regierung, war das Gebiet kein konstitutiver Bestandteil der DDR. Formal zunächst zur Einhaltung des Status gezwungen, interpretierten DDR und Sowjetunion Berlin erst nach der Unterzeichnung des Vier-Mächte-Abkommens 1971 Berlin auch öffentlich nicht länger als Ganzheit, so dass in der vermeintlich eigenständigen Stadt die Gesetzte der DDR nicht eher als 1977 definitive Gültigkeit erlangten.

Dessen unbeeindruckt war man seit der Gründung der DDR befleißigt, die Ideologie des Staates auf alle Ebenen auszudehnen. Vergleichbar etwa mit der Gleichschaltung während der NS-Zeit, widerspiegelte sich sozialistisches Gedankengut bald gleichwohl in Kultur und Architektur.

 

III

Der Alexanderplatz – nach der Teilung Berlins im Osten gelegen – wurde ab 1969 nach dem Vorbild des Roten Platzes in Moskau umgestaltet. Als Kundgebungsort für Großveranstaltungen in der DDR konzipiert, diente die Karl-Marx-Allee, welche vom Alexanderplatz über den Strausberger Platz bis zum Frankfurter Tor führte, als Aufmarschplatz für die alljährlichen Paraden der Streitkräfte, im Rahmen der Feier der Gründung der DDR. Nach seiner Fertigstellung 1971 wurde der Alexanderplatz für Großereignisse wie die X. Weltjugendfestspiele im Sommer 1973, die Feier zum 25. Jahrestag der DDR im Oktober 1974 oder zu Feierlichkeiten zum 30. Jahrestag des Kriegsendes 1975 genutzt. Zum Zentrum Ost-Berlins stilisiert, „würdigte“ man ihn darüber hinaus als Paradebeispiel für ideologisch beeinflusste Architektur in der DDR.

Das Brandenburger Tor stand nach dem Mauerbau mitten im Sperrgebiet. Weder von West noch von Ost durchquerbar, kam ihm zu Zeiten der Deutsch-Deutschen Teilung eine eher marginale Rolle zu.

Auf der enttrümmerten, sukzessive wiederaufgebauten Straße Unter den Linden entstand nach dem Krieg das Gebäude der sowjetischen Botschaft. Exempel stalinistischer Prachtarchitektur geheißen, entwickelte es sich zum Wahrzeichen der politischen Verbundenheit der DDR mit der Sowjetunion. Das massiv beschädigte Berliner Stadtschloss, von dessen Brücke bis zum Pariser Platz an der Ostseite des Brandenburger Tors die einstige Prachtstraße verlief, wurde 1950 auf Anweisung des SED-Vorsitzenden Walter Ulbricht gesprengt. An die Stelle des Schlosses trat vorerst der Marx-Engels-Platz mit einer großen Tribüne, der den Endpunkt der Straße Unter den Linden bildete. Bei großen Demonstrationsaufmärschen defilierten hier huldigende Menschenmassen an der Staatsführung der DDR vorbei. In den 1970er Jahren wurde an selbigem Platz der Palast der Republik – ein Veranstaltungsort der DDR für politische und kulturelle Großveranstaltungen – errichtet.

 

IV

Fragmentpart 7 des ersten Fragments aus Körners Roman beschreibt eine Leuchtreklame am Alexanderplatz. Auf einer ersten Deutungsebene handelt es sich demnach um eine gewöhnliche Alltagsszene der Stadtwahrnehmung. Dynamik der Leuchtreklamenbeschreibung sowie konkrete Ortsangaben konstruieren ein sehr lebendiges Bild Berlins. Dass der Ostteil der Stadt fokussiert wird, verdeutlicht der Hinweis

 [...] alexanderplatz [...]

und in zweiter Instanz, die letzte Fragmentteilzeile

 [...] gegenüber dem haus des lehrers [...].

Das Haus des Lehrers, mit dazugehöriger Kongresshalle, zählte zu den ersten fertig gestellten Gebäuden der in den 1960ern begonnenen Umgestaltung der östlichen Zentrumsareale der DDR- "Hauptstadt“, besetzte als weithin sichtbarer "Vorbote des Neuen" die Schnittstelle zwischen Stalinallee und dem als nächsten Höhepunkt inszenierten Alexanderplatz.

Da der Fragmentteil mit „Spielregel“ bezeichnet ist, kommen weitere Interpretationsperspektiven in Betracht. Analog zur Fragmentüberschrift „DDR Eine Sprachanstalt“ offenbart der Abschnitt

[...] zeilenweise sich aufbauend
bis zum stehenden bild
danach auslöschung und neuanfang
rote buchstaben [...]

beispielsweise eine Anspielung auf den propagandistischen Missbrauch der Sprache in der DDR.

Die

[...] rote [...] (n) [...] buchstaben [...],

Rot hier als Symbol für den Sozialismus, bestärken diese Überlegung.

Für Fragmentteil 19:

SPRUCHBAND

an bunten luftballons
über dem brandenburger tor

bietet sich eine ähnliche Folgerung an. Auch an dieser Stelle findet sich eine ausdrückliche Ortangabe. Auch an dieser Stelle sieht sich der Rezipient in erster Linie mit einer Stadtwahrnehmungsbeschreibung konfrontiert, die Ostberlin plastisch werden lässt. Erst durch einen genaueren Blick – und wieder ist es der Titel, der Näheres verrät – kristallisiert sich mittels „SPRUCHBAND“ erneut das Sujet Sprache, beziehungsweise – die stille Zeugenschaft des Brandenburger Tors zur Zeit der DDR im Hinterkopf behaltend – dimensionserweiternd Sprachlosigkeit heraus.

Nicht minder interessant ist die Erwähnung der

[...] staatsoper [...] mitsamt [...] apollosaal [...]

auf der Straße Unter den Linden, im Fragmentteil 22: „KLEINES RAHMENPROGRAMM“. Mit Ausschluss der obig genannten, politisch relevanten Gebäude auf dem Boulevard kam auch der Staatsoper ideologische Tragweite zu. 1743 errichtet, musste die Staatsoper im und nach dem 2.Weltkrieg mehrere Wiederaufbau – und Umbauphasen über sich ergehen lassen. Der Apollosaal ist einer der zentralen Innenräume der Staatsoper, für dessen Rekonstruktion nach Ende des Krieges eine Variante mit korinthischen Doppelsäulen, im klassizistischen Stil des Staatsoper-Erbauers Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff, vorgesehen waren. Der Nutzbarkeit des Saales für Staatsempfänge wegen, entschied man sich allerdings für eine monumentale Form, wodurch der Raum, mit den Worten des Architekten Richard Paulick gesprochen, „strenger“, „repräsentativer“ und „als Wandelhalle geeigneter“ wirken sollte.

Der Ort der Oper, von jeher Ort der vertonten Dichtung, Ort der Schauspielerei, Maskerade, des Bühnenbilds und der Requisite, ist in diesem Kontext also ebenso ideologisch belegt, wodurch man auf eine Ambiguität schließen kann. Einerseits ohnehin Apparat der Ideologie, entlarvt die Beharrlichkeit der unbedingten Nutzbarmachung derartiger Einrichtungen den Staat DDR als schauspielhaftes Unternehmen, unter dessen Maskerade zweifelhafte Zielstrebigkeit hervorschimmert. Der Ort der vertonten Dichtung wird Ort der verdichteten Offensichtlichkeit und der kulturellen Ortlosigkeit. Das „RAHMENPROGRAMM“ der Oper reduziert sich auf Agitation und Propaganda.

 

V

Liest man die Stadt als Text, erhellen sich bisherige Fragwürdigkeiten. Wiewohl sich der Rekurs auf realhistorische Orte zu keiner sinnvollen „Topologie“ des Landes aller Übel subsumieren lässt, wird anhand der analysierten Fragmentteile klar, worauf die vielmals zitierten, realhistorischen Orte in Fragment 1, „DDR : Eine Sprachanstalt : Fragment vom Wort“ abzielen:

Ab 1969 in Ostberlin begonnen, zeichnet Fragment 1 ein genaues Bild des öffentlichen Raumes, dessen ideologische Belegung sich bis auf die Architektur erstreckte. Symbolisch neuaufgeladene Örtlichkeiten wie Alexanderplatz oder die Straße Unter den Linden, inklusive Oper und Apollosaal, kommunizierten die sozialistischen Ideen noch bis in den letzten Winkel, waren Zeiger von allgegenwärtigem Totalitarismus. Dass die ideologische Neubelegung ihren Zweck verfehlte, enthüllte die Situation im Berlin der 1989er Jahre, als Alexanderplatz und Brandenburger Tor Zentrum der friedlichen Revolution wurden. Somit bleibt außerdem die ideologische Umwertung einer vormals identitäts- und beziehungsstiftenden Örtlichkeit fraglich.

 Zum „Fragment vom Wort“ schreibt Körner in „Robustes Mandat für den Leser“ eigens:

„Das Fragment vom Wort besteht aus einer Übersicht des öffentlichen Raumes.
Darin eingetragen die Standorte der Installationen, deren Text und Beschreibung.
Dazu einblendbar die Aktualität des Ortes und das „Werbematerial“.“

Des Weiteren sieht der Autor seinen Roman als eine Mischform aus Museum und Archiv, als Gegenstand und Ort, zu welchem hin man sich begibt, es aufsuchend, betretend, begreifend, um damit zu arbeiten, also wirklich zu lesen. Insgesamt sollen die Fragmente einen magischen Kreis bilden, in welchen man durch das „Fragment vom Wort“ oder „Die Pforte“ – wie Körner es außerdem nennt – gelangt.

Daraus ist wiederum das Verhältnis von Faktizität und Fiktionalität, von realhistorischen Orten im Roman und dem „Land aller Übel“ als Utopia ableitbar. Durch den Un-Ort Ostberlin, an dem – bedingt durch die Vereinnahmung der „Sprachanstalt“ DDR aller Ebenen der Kultur, einschließlich der Architektur – propagandistische Symbolik sichtbar – und greifbar wird, bekommt der Rezipient Zugang zu Utopia – jener Nicht-Örtlichkeit, mittels der Körner seine Kritik an der Utopie einer sozialistischen Gesellschaftsordnung nach dem Musterfall DDR versinnbildlicht.

 

VI

Die lebensweltliche Darstellung Ostberlins hat darüber hinaus noch einen Gehalt. Trotz Bruchstückhaftigkeit erreicht sie eine Authentizität, die in der zeitgenössischen Literatur ihres Gleichen sucht. Nur Alfred Döblin ist es gelungen, weit vor der Teilung Berlins, ein adäquates Bild zu entwerfen. Bekanntlich rollt Döblins Berlin Alexanderplatz jedoch weder eine ideologische Problematik auf, noch sah sich der Autor Ressentiment und Reglementierung ausgeliefert, wie es bei Thomas Körner denkbar ist. Einzig im Streben nach der Neuschöpfung einer Stilistik, die sich in Plastizität und Verknappung der Sprache sowie Verdichtung von Symbolen niederschlägt, zeigen beide Werke Parallelen auf.

Körner, der diese Stilistik weiter vorangetrieben hat, ist damit nicht allein eine museale Veranschaulichung des durch Ideologie bestimmten Lebensalltags in der DDR geglückt. Vielmehr ist seine Stilistik ein meisterhafter Fluchtversuch aus der „Sprachanstalt“ DDR, den er 1980 in letzter Konsequenz tatsächlich vollzogen hat.