Hammer und Sichel über melancholischer Landschaft

Versuch zu Thomas Körner, Das Grab des Novalis

von Anja Beisiegel

Klingsohr – Novalis – Körner?

Klingsohr ist eine der schillernden Gestalten der deutschen Mythologie. In Wolfram von Eschenbachs Parzival ist er ein so listiger wie mächtiger Zauberer. Als Klinsor von Ungerland tritt er im Sängerkrieg auf der Wartburg gegen historisch verbürgte Kollegen wie Walther von der Vogelweide und Wolfram, aber auch gegen fiktive Konkurrenz (Heinrich von Ofterdingen) auf. Klingsohr ist Zauberer, Sänger und Dichter. Und er ist in Novalis Romanfragment Heinrich von Ofterdingen der Erzähler eines rätselhaften Märchens.

 Thomas Körner knüpft in seinem Fragment-Roman Land aller Übel an dieses Märchen an. Widmet ihm ein eigenes Fragment: Das Fragment von der Weltanschauung, nennt diesen „Dramatischen Essay“ Das Grab des Novalis. Das Ofterdingen-Projekt hinterließ Novalis bei seinem frühen Tod als Fragment. Nahm die Auflösung der rätselhaften Mär mit ins Grab (wenn er denn je beabsichtigt hatte, das Rätsel aufzuklären).

Begreift Körner sich im Geiste Klingsohrs, als magischen Erzähler oder in der Nachfolge Novalis, des immer jungen Frühromantikers? Ich meine: Nein. Thomas Körner, als Autoren-Ich ist Regisseur und Verfasser eines Drehbuchs seines eigenen Klingsohr-Projekts. So dicht er sich teilweise entlang der Novalis-Textgrundlage bewegt (oft übernimmt er Sequenzen wörtlich), so autonom verändert und verfremdet er das romantische Kunstmärchen zu einem satirischen (in Körners Orthografie „satyrischen“) Abgesang auf eine Weltanschauung. Eine Weltanschauung, die sich als Vakuole präsentiert, ein riesiger Luftballon, der zerplatzend den Blick auf einen kugelrunden Zellkern aus Beton freigibt.

Aber bevor man daran denken kann, Körners Text auszudeuten, muss man sich – so glaube ich – einen Überblick über Das Grab des Novalis verschaffen. Was ich hiermit (anhand meiner persönlichen Leseerlebnisse und Leseerkenntnisse) versuche:

 

Das Fragment

Das Grab des Novalis ist nach Untertitel nicht nur Fragment (von der Weltanschauung) sondern auch (dramatisierter) Essay. Also ein bruchstückhafter Versuch. Oder vielleicht besser der Versuch eines Bruchstücks. Oder der Versuch über ein Bruch-Stück. Wie auch immer: Der Titel verspricht viel (wie soll man sich einen dramatisierten Essay vorstellen?), aber nichts Abgeschlossenes.

Das Fragment von der Weltanschauung im großen Fragment-Roman Land aller Übel bleibt selbst Fragment: Von den sieben skizzierten Bildern des Szenischen Entwurfs kommt nur das erste Bild, die „Agonie der Utopie“, zur Vollendung und schließlich zu einer fiktiven Aufführung. Mit der Agonie, dem Todeskampf, endet die Utopie. Und wird nicht mehr wiederbelebt. Wozu auch?

Dem Leser wird jedoch nicht einfach ein fertiges Theaterstück präsentiert, das er lesen – und bestenfalls auch mit einigem Nachdenken verstehen – kann. Anstelle des fertigen Stücks bietet Thomas Körner dem Leser zunächst die Gelegenheit, ihm beim Werden des Stücks (besser eines Teils des Stückes) über die Schulter zu schauen.

Der Leser wird hierbei nicht an die Hand genommen. Er liest sich durch Skizzen zu Szenenbildern (die nicht ausgeführt werden) und findet Übersichten zu Personen, Besetzung und detaillierten Ausarbeitungen zu den Personenbezügen. All das also, was man sich geneigter Leser als Vorarbeit für ein literarisches Werk vielleicht vorstellt.

 

Zu den einzelnen Abschnitten:

1 Was schwebt mir vor?

Wir lesen – anstelle einer Einführung, eines Vorworts – die Notizen eines Autor-Ichs, dem ein Werk „vorschwebt“. „Blue Movie“, „sexistisches Marionettentheater“, „Mysterienspiel“, „Krippenspiel“. Barbarock-kabarettistisch. Vielleicht sogar fürs Fernsehen konzipiert. Für die Mattsch-Scheibe mit bunten Luftballons und einem sonderbaren Sponge-Bob.

Die Ankündigung liest sich wie ein Elevator-Pitch, der noch etwas unentschieden ist. Körner lässt den Leser jedoch im obersten Stock seines Gedankengebäudes allein im Aufzug zurück. Drückt ihm noch Notizen, Skizzen und szenische Entwürfe in die Hand. Dann verschwindet er. Taucht zwischendurch und am Ende als „Autoren-Ich“ kurz auf. Und der Leser, der eigentlich schnell zum Zuschauer werden will, steht allein da. Sortiert sich durch eine Flut kluger Ideen. Zappt durch Insider-Formulierungen und heimtückisch komplexe Diagramme zur Personen-Disposition. Verliert sich in Tabellen und Grafiken mit Pfeilen und Abkürzungen.

Tatsächlich hält der Leser irgendwann einen Theaterzettel in der Hand, bekommt Splitter eines Programmhefts geliefert und sogar das Feedback des Publikums. Das Stück freilich, das sich der Leser zwischen zwei Vorhängen wünscht, muss er sich schon selbst inszenieren. Wie man schon zu Beginn ahnt, ist dies kein leichtes Unterfangen. Aber weiter in Text:

 

2 Klingsohrs Märchen

a) Eine erste Leseprobe

In dieser ersten Leseprobe gibt es keine Schauspieler, die sprechen. Es gibt auch keine Dialoge, die die Schauspieler sprechen könnten. In 8 Teilen komprimiert sich eine knappest mögliche Zusammenfassung des zukünftigen Bühnengeschehens und eine erste Übersicht der beteiligten Personen. Hier lohnt es sich, parallel das Ofterdingen-Märchen zu lesen, um zumindest eine vage Ahnung der Handlung zu erhalten (es sei denn, man hat den Novalis-Text geistig hinreichend präsent. Aber wer hat das schon?). Tatsächlich orientiert sich Körner hinsichtlich Personal und Handlung recht eng am Klingsohr-Märchen. Zusammenhänge erschließen sich während der Leseprobe jedoch kaum und ohne Kenntnis des Klingsohr-Märchens wohl überhaupt nicht. Selbst die Kenntnis des Klingsohr-Märchens erleichtert das Unterfangen nur unwesentlich, da Novalis’ Märchen seinerseits ebenfalls voll von Rätselhaftem steckt.

b) Wie müsste eine mögliche Besetzung aussehen?

Körner stellt den Figuren des Klingsohr-Märchens 16 Typen (Arche-Typen) gegenüber, die für eine mögliche Besetzung zur Auswahl stehen. Heilige, Dirnen, Krieger und Priester, Knechte, Könige und so fort.

„Die Märchenfiguren zu fragen, was sie be-deuten, entspricht ungefähr der Frage an die Arche-Typen, „was aus ihnen geworden ist“. Stellen wir also einen solchen Figurenvergleich an und versuchen eine Personifizierung.“

Dem Leser stellt Körner eine Tabelle (für die weitere Lektüre sehr hilfreich!) zur Verfügung, in der er den Figuren des Novalismärchens (teilweise in der Forschung gängige) Metaphern und (16) Archetypen zuordnet. Den 16 Archetypen von einst (gängige Urmuster aus Märchen und Mythologie) gesellt Körner nun wiederum Menschentypen aus dem Jetzt zu. Schillernde Typen teilweise, die einem nicht alltäglich auf der Straße begegnen. Vermutlich auch nicht in der DDR der 60er Jahre. Aber vielleicht noch eher dort, als in der Bundesrepublik der Gegenwart. Zum Beispiel: „Die Tunte mit dem Lehmabdruck Aller“ (=Dirne) als Ginnistan (=Phantasie), „Das Kleinkind mit der Riesenmanzi“ (=Jungfrau) als Fabel (=Historie) um nur zwei Beispiele zu erwähnen.

c) Was für Gestalten erwachsen daraus?

Ergänzend zu der Übersichtstabelle werden nun 16 Gestalten umrissen, die sich den 16 Archetypen des Jetzt zuordnen lassen. Diese Beschreibung der Gestalten erleichtert dem Leser zunächst nur beschränkt Zugang zum Verständnis.

Zwei Beispiele:

zu Ginnistan (Die Tunte mit dem Lehmabdruck):

„Aus den fromm-fanatischen Jubelbräuten, die für alles zu begeistern sind, den „heiligen Kühen“, die es befriedigt, mit der „Sache“ verheiratet zu sein: Die Gestalt einer frigiden Sekretärin, wie sie von der Initiative ergriffen wird“

Zu Fabel (Das Kleinkind mit der Riesenmanzi):

„Aus pummlig-naiven Jungbäuerinnen des Landes, den breithüftigen und großbrüstigen Jugendfreundinnen, die alle aussehen, als hießen sie „Weltfriedel“: Die optimistische Gestalt einer siegreichen Offenstall-Manzi“.

Ein Versuch zur Dechiffrierung:

Bei Ginnistan und Fabel haben wir es mit linientreuen, begeisterungsfähigen Anhängerinnen des Systems zu tun: Fanatisch jubelnd Ginnistan, naiv und optimistisch Fabel, die breithüftige „Weltfriedel“, welch ein Name!

Dass Ginnistan (die bei Novalis ja nicht nur den Vater sondern auch Eros verführt) hier als frigide Sekretärin skizziert ist, ist rätselhaft. Die Bezeichnung Dirne/Tunte (mit dem Abdruck Aller) ist eher zugänglich. Leichter fällt es, sich eine Frau vorzustellen, die für alles zu begeistern ist, mit der „Sache“ (dem Beruf, dem System) verheiratet ist. Vielleicht tatsächlich Sekretärin. Oder leitende Angestellte. Man kennt diesen Typ.

Fabel und ihre Manzi (Riesenmanzi, Offenstall-Manzi) werfen ebenfalls Rätsel auf. Ich verorte das ewige Kleinkind (naiv und pummlig) auf dem Gelände einer LPG, wo es als Jungbäuerin vielleicht das Milchvieh (Ginnistan ist ihre Amme, Eros ihr Milchbruder) betreut. Manzo, italienisch: Das Rind. Irrtümer und Holzwege sind jedoch auch bei dieser Deutung nicht ausgeschlossen. Assoziationen wie „E-Manzen“ stellen sich ein, sind denkbar, führen jedoch nicht weiter.

Dem Leser bleibt das Entschlüsseln 16 rätselhafter Beschreibungen. Was manchmal leichter fällt und manchmal nicht gelingt.

Woraus sich ein Prolog ergibt:

d) Prolog

Der Abschnitt von Klingsohrs Märchen endet mit einem Prolog, der wiederum Vorrede für den darauf folgenden Szenischen Entwurf ist. Der Prolog besteht aus 5 kurzen Gedichten, die unter dem Titel „machts gut“ gefasst sind.

Die fünf Gedichte beginnen mit: „Machts gut“; „Leb wohl“, „Vergeßt“; „Versagt“ und „Weg“. Ich lese sie die ersten beiden als Abschied von den 16 Archetypen (I) bzw. von den Novalis-Figuren Mondkönig, Sphinx und Tarantel (II). Die drei folgenden Gedichte sind Aufrufe, sich aus den Gegebenheiten des Körner-Märchen-Kosmos zu befreien, Denkmäler zu stürzen. Sich aufzumachen in den Hinterhof der Poetolatrie (Poetologie + Demokratie? Es klingt auch „Latrine“ mit). Und wieder hinterlässt uns Körner einen Neologismus und ratlos.

 

Klingsohr – Novalis – Körner: Zaghafter Versuch einer deutenden Einordnung

Körners Grab des Novalis ist – so sagt es der Untertitel und so glaubt es der Leser aufs Wort – Fragment. Im Falle des Ofterdingen liegt die Sache etwas anders: Novalis verstarb, ohne sein Werk zu beenden. Heinrich von Ofterdingen ist ein „nachgelassener“, ein unvollendeter Roman.

Nun könnte man sagen, dass die Fragmenteigenschaft der beiden Werke völlig unterschiedlich zu bewerten ist. Der Vollendung des Ofterdingen stand nicht das Kunstwollen Novalis entgegen, sondern sein früher Tod. Körner legt sein Werk kunstvoll und bewusst als Fragment an. Er errichtet eine künstliche Ruine, wie im romantischen Landschaftsgarten gang und gäbe. Körner begibt sich – als Ruinenbaumeister – in die frühromantische Tradition des Programms von der Fragmentarität von Literatur.

Friedrich Schlegel formuliert in seinem 116. Athenäums-Fragment (1797/98), dass romantische Dichtart „ewig nur werden, nie vollendet sein kann“. Literatur wird progressiv gedacht, das konstitutiv Bruchstückhafte von Schlegel programmatisch postuliert.

Wie steht es mit Novalis Klingsohr-Märchen innerhalb seines unvollendeten Romans? Es strotzt von Verweisungszusammenhängen, die – ähnlich wie bei Körner – mehr oder wenig große Rätsel an den Leser stellen. Diese Deutungsoffenheit und Deutungsunsicherheit fordert die Lesererwartungen heraus. Einer der Leser, die an diesen Erwartungen scheiterten und scheitern, war Achim von Arnim. Er urteilt harsch über die Klingsohr-Passage; attestiert dem allegorischen Geflecht des Märchens Langweiligkeit und Unbedeutendheit. Ihm ist das Lesen „sonderbar bekommen“.

Novalis und Körner und fordern mit ihren hochreflektierten und verweisungsstrotzenden Romanexperimenten den Leser heraus. Führen ihn in ein Spiegelkabinett, das einen von Reflexionen und Reflexionen von Reflexionen schwindelig macht und überfordert. Körner führt zu allem Überfluss noch eine weitere Verweisungsebene ein, wenn er mit Tunten und Riesenmanzis operiert, wo Novalis sich mit Archetypen und (gängigen) Allegorien zufrieden gab.

Das Bruchstückhafte der beiden Werke macht die Dechiffrierung der allegorischen Bezüge (und Verweisungen auf diese Bezüge) nicht einfach. Das Spiegelkabinett ähnelt damit eher einem gesplitterten Spiegelkabinett oder einem Kaleidoskop.

Körner ein Romantiker? Die Verknüpfung von Gewöhnlichem mit Geheimnisvollen, das Erkennen des Höheren im Gemeinen: Diese Operationen dienen bei Novalis dazu, die Welt zu romantisieren. Körner greift diese logarythmisierten Verfahren auf und verknüpft das unerträglich Banale (den DDR-Alltag) mit dem völlig Rätselhaften (dem romantischen Klingsohr-Märchen). Er greift beim Schreiben zu den Mitteln einer romantisch-progressiven Universalpoesie. Körner überschreitet Gattungsgrenzen und mischt essayistische Prosa mit Drama und Lyrik. Sein Fragment endet mit der Agonie der Utopie. Körner hinterlässt uns – am Grab des Novalis stehend – die Welt, wie wir sie kennen: Als gänzlich nicht-romantisierten Ort.