Staatsbesuch per Luftschiff?

 

Die Entstehung dieses Lesespiels erläutert Thomas Körner im zugehörigen Manuskriptmodell des Dossier. Er weist darauf hin, dass die Idee hierzu aus einem einzigen Satz im Neuen Deutschland entstand. Die Staatsbibliothek zu Berlin hat die DDR-Presse und insbesondere die Tageszeitung „Neues Deutschland“, die ja gleichzeitig Presseorgan der SED war, voll digitalisiert. Dem unten stehenden Auszug kann man genau die Passage entnehmen, auf die sich Körner bezieht: „Der Besuch der cumbanischen Delegation in der DDR, der am Dienstag andauerte…“

In der Staatsbibliothek Berlin sind inzwischen sämtliche Ausgaben der Tageszeitung Neues Deutschland zu DDR-Zeiten digitalisiert und man kann sich für den 21.06.1972 den hier zitierten Auszug herunterladen.

Daraus kann man weiterhin entschlüsseln, dass sich Körner namentlich auf den Besuch Fidel Castros bezieht und den Zeitrahmen exakt übernommen hat: vom 13. – 21.06.1972 weilte Castro zu einem Staatsbesuch in der DDR. Die Textgestaltung in der Presse zu offiziellen Staatsbesuchen war genauestens vorgegeben; es wurden immer dieselben Verben benutzt, um nur ja nichts Falsches zu melden.

Horst Dieter Schlosser hat die Sprachkonventionen in der DDR u.a. in den Medien genauestens untersucht und zu entschlüsseln versucht. Er hat z.B. festgestellt, dass Staatsvisiten in Beziehungen zu sozialistischen Ländern immer als „offizielle Freundschaftsbesuche“ bezeichnet wurden. Für die Tätigkeit des Besuchers (Honecker) gibt es nur fünf Variationen: „er reist…, er folgt einer Einladung, …begibt sich, …trifft ein, ein hoher Besucher „weilt“ irgendwo. Auch Körner will auf die Stereotypie der Aussage im „Neuen Deutschland“ aufmerksam machen: „der Besuch, der am Dienstag andauerte…“.

Schlosser formuliert es so: „denn solche Meldungen folgen […] streng einer offiziellen Nomenklatur, die reale oder erwünschte politische Verhältnisse abbilden soll.“ Manche Wörter hätten eine definierte Bedeutung, und „kleinste Änderungen würden eine Veränderung der politischen Bewertung der Situation ausdrücken“. Die Definition erfolge dabei durch die SED, die diese Definitionen kreierte oder durch ADN verbreiten ließ. „Damit waren in der DDR nicht nur einzelne Lexeme monosemiert, sondern auch (teilweise sehr umfangreiche) Phrasen kanonisch fixiert, bis eine neue politische Entscheidung eine „Abweichung“ erlaubte.“

Der Staatsbesuch ist eine offizielle Veranstaltung, die in allen Ländern nach einem ganz bestimmten Procedere abläuft, dem diplomatischen Protokoll. Für die Vorbereitung und Durchführung solcher offiziellen Besuche in der DDR wurde genauestens festgelegt, dass u.a. ein gedrucktes Programm mit Informationen zum Zeremoniell herausgegeben wird. Diese Vorabinformationen waren bei den Geheimdiensten natürlich von großer Wichtigkeit, wenn es z.B. um die Planung oder die Verhinderung eines Attentats ging, worüber sich Körner mit der Aufzählung von insgesamt sechs Geheimdiensten lustig macht. Körner schreibt in seinem Dossier: das hat damals dazu geführt, daß alle Geheimdienste sich gegenseitig so konterkariert haben, daß der Staatsbesuch reibungslos und ungestört verlaufen konnte (das hieß damals ‚friedliche K.O.Existenz‘).

 

Ästhetische Gestaltung

Körner gestaltet diesen Staatsbesuch im Textformat einer SMS-Meldung im Bildformat eines Handys. Die Informationen aus der Presse hat er bewusst kurz gehalten, eben wie eine SMS mit maximal 160 Zeichen im Gegensatz zur politischen Realität. Politische Realität war z.B. folgende Aufreihung: Neben Erich Honecker nahmen von Seiten der DDR an den Verhandlungen teil : Walter Ulbricht, Mitglied des Politbüros des ZK der SED und Vorsitzender des Staatsrates; Willi Stoph, Mitglied des Politbüros des ZK der SED und Vorsitzender des Ministerrates; Hermann Axen, Mitglied des Politbüros und Sekretär des ZK der SED; Werner Lamberz, Mitglied des Politbüros und Sekretär des ZK der SED; Otto Winzer, Mitglied des ZK der SED und Minister für Auswärtige Angelegenheiten; Paul Markowski, Mitglied des ZK der SED und Leiter der Abteilung Internationale Verbindungen des ZK der SED; Georg Stibi, Stellvertreter des Ministers für Auswärtige Angelegenheiten; Joachim Naumann, Außerordentlicher und Bevollmächtigter Botschafter der DDR in der Republik Kuba. Es galt in der DDR-Presse eine immer nach dem gleichen Schema ablaufende Nennung der vollen Titel jedes Beteiligten, erst der Gäste, dann der Teilnehmer von DDR-Seite oder umgekehrt.

Auch die zu benutzenden Verben waren floskelhaft vorgegeben; dies konterkariert Körner in der Sprachanstalt des Fragments vom Wort, z.B. bei dem Punkt „Das ND“, der Aneinanderreihung aller Ämter in folgender Darstellung:

 

Abbildung 8: Das ND

 

oder auf der Tafel „Kommunique“, wo man für die Striche Floskeln einsetzen kann, so ergeben sich Berichte von Staatsbesuchen etc.:

 

Abbildung 9: Kommunique

 


Ein Spiel auf 3 Ebenen

Körner spielt in diesem Lesespiel auf drei Ebenen:der Ebene der Geheimdienste, die in Erwartung des Programms strategisch durchspielen, wann man am besten ein Attentat auf Castro durchführen könnte,

die zweite Ebene ist die des realen Besuchs,

und die dritte Ebene ist dann die Berichterstattung über den Besuch, die nicht unbedingt dem realen Geschehen entsprechen muss - wie es auch schon Schlosser andeutet - sondern die eher dem politischen Wunschdenken (des Politbüros, des Sekretärs des ZK oder auch der SED) entspricht.

Daher ist bei Körner der 8. Tag als d-day deklariert. Castros Besuch in der DDR war tatsächlich am 8. Tag, dem 20.06.1972, beendet, er reiste am 21.06.1972 zurück nach Cuba, aber wo er am 8. Tag ist, lässt Körner offen. In der Presse besagt eine Meldung, dass er einen Abstecher nach Prag machte. Aber ist er wirklich in Prag gewesen? Es ist die dritte Ebene der Presse-Wahrheit.