Das ideologische Trauma

Von der theoretischen Literatur im Osten zur Praxis des Schreibens im Westen

 

 Verwendet im Fragment vom Buch

 

Der Autor beschreibt den Stand der Dinge, „die fase der organisation des menschlichen zusammenlebens nach der ideologie“ sei, was ihn betreffe, abgeschlossen. Er hält die Ideologie der DDR für eine nicht verwirklichte, die damit eine Utopie bleibt. Obwohl eine Ideologie nicht verwirklicht wurde, sind doch Abfallprodukte entstanden, also es ist doch etwas verwirklicht worden, an der sich die betroffene Generation schuldig gemacht hat, “ob Stalinismus oder Mauer“. Er hofft im Zusammenhang mit der Informatik - in der DDR wurde hierfür der Begriff Telematik verwendet - auf „veränderungen für buch und lesen und sprache wie sie mir vorschweben im wechselverhältnis mit dem sozialen“.

Die Menschen zwischen 35 und 40 Jahren [zu denen 1977 auch Körner gehört; Anmerkung der Verf.] etablieren sich „bekommen ihre zweiten Kinder, werden Vorbilder“ oder entscheiden sich zu „weggänge (…) umzüge wanderungen (…) bei mir heißt das aufbruch zu einer artikulation der praxis.

Körner thematisiert seine aufkommenden Fluchtgedanken, die sich letztlich zu seinem selbst formulierten ideologischen Trauma entwickeln. Etwa am 04. Dez.1978 schreibt er: "das thema innere emigration wird ev interessant / wenn man von drüben aus sein hüben beschreibt /denn hier sind wir wie oft falsch angenommen / nie innerlich emigriert / sondern äußerlich interniert"

Am 30.01.79 folgt:

was man auch sagen wird / in dieser nacht war ich einen moment lang schriftsteller / denn ich habe begonnen zu sterben / ich habe den fuß ins wasser gesetzt / und begonnen den fluß zu überschreiten / um das land der erinnerung zu betreten / ab heute nacht bin ich weg / was wird werden.

Im Zeitraum fünfzehnter bis einunddreißigster März Neunundsiebzig:

warum gehen weil nichts mich hält sogenannte bindungen ddr sozialismus sind ideologisch also sinnlos nach dem abschied der dichtung broch muß der wirkliche aufbruch folgen auch broch sonst bliebe nur die paranoische alternative des autoterrors selbstmord das verhältnis zwischen mir und dem system ist bestimmt durch meine arbeit aus ddr sicht bin ich endversorgt das heißt materiell und ideell realisiert das heißt nicht existent in jeder anderen form als der jetzigen das heißt ich bin erledigt aus meiner sicht trifft dies auf die ddr zu sinn jeder existenz ist ihre geistige überwindung anders gäbe es keine veraenderung ich bin auf dem richtigen weg solange ich auf dem weg hinaus bin im übrigen bleibe ich bis an mein ende mit ddr versorgt und hinter den sieben bergen bei den anderen zwergen liegt der nächste deutsche staat.

Interessant ist hier Körners Hinweis auf Hermann Broch, ein österreichischer Schriftsteller, der in seiner NS-Exil-Zeit in den USA das Werk „Der Tod des Vergil“ verfasste, in dem er die letzten 18 Stunden des Dichters Vergil beschreibt und parabelhaft den Umbruch von einer Kulturepoche in eine neue thematisiert. Neben Traumvisionen wechseln sich politische Diskussionen und lyrische Hymnen ab. Broch selbst sieht in dem Roman seine eigene Todesvorbereitung (als Prozess der inneren Reifung) im Angesicht der Gestapo.

Eine ähnliche Zeit machte wohl Körner durch in der Reifung des Fluchtgedankens, dann auch in der Zeit des Wartens auf seine Frau im Angesicht der Stasi.

Am 04. Mai 1981 besann sich Körner darauf, dass er nach acht Monaten des Wartens auf seine Frau diese erst wieder kennenlernen musste, dann entfremdete er sich von der in der DDR geschriebenen „theoretischen“ Literatur; es dauerte einige Zeit, bis er seine im Osten niedergeschriebenen Gedanken in die Praxis umsetzen, also schreiben konnte. Dieser Umschlagpunkt musste erreicht werden, um den Vorgang, den er als sein ideologisches Trauma bezeichnete, abzuschließen. Sonst hätte er nicht weiterarbeiten können. Seinen Abschied von der Flucht spricht Körner explizit aus im Juni 1981.