Grundform des Spielbretts


Grundform des Spielbretts

 

In diesem Lesespiel geht es um die Macht, die der hat, der das rote Zimmer im Haus der Macht bewohnt, bzw. der, der den „Apparat“ hinter sich hat. Körner lässt die fiktiven, über Kurznamen verschlüsselten, aber real existenten Figuren in seinem Lesespiel eine Diskussion miteinander führen. Allein um die „real gemeinten“ Personen den 4-Buchstaben-Codes zuzuordnen, dazu benötigt der Leser ein profundes Wissen über die DDR, das man sich erst über eine gute Recherche aneignen muss. Dann erschließen sich auch die Redebeiträge, z.B. der Personen WULB (resp. Walter Ulbricht) und NECK (resp. Erich Honecker). Das Lesespiel endet mit der Übergabe der Macht von WULB an NECK.

„Über den Hintergrund wird in Gärungsbläschen geredet, im Vordergrund wird nach den Regeln der sozialistischen Spieltheorie gehandelt.“ Weil keiner der Anwesenden versteht, was ökonomisch abläuft in der Kybernetik, werden Floskeln und Phrasen formuliert, also „Gärungsbläschen“ ausgestoßen.

Der Staats-Apparat besteht aus Abteilungen, die nach der Größe ihrer Machtanteile Zimmer erhalten, die Ideologie bekommt rd. ein Drittel von 1717 Zimmern, gefolgt von der Abteilung Agitation und Propaganda, der Wirtschaft und dem Ministerium für Staatssicherheit.

Körner hat auch diesem Lesespiel eine Gebrauchsanweisung in Form eines Manuskriptmodells vorangestellt. Es heißt Kybernese und spricht damit eines der Hauptthemen dieses Lesespiels an: Als Hintergrund (auf zweiter Ebene) wird die Methodik des Fünfjahresplans in den Diskussionsbeiträgen behandelt, im Vordergrund steht, wie schon erwähnt, die Machtablösung des bisherigen Vorsitzenden, der mit dem Decknamen WULB ziemlich eindeutig gekennzeichnet ist.

Vorangestellt ist dem Lesespiel in Form eines Schachbrettes (siehe oben) eine Übersicht der Mitspieler, in der jede Person einen einsilbigen Kurznamen erhält und einem politischen Wirkungskreis in der DDR-Systematik zugeordnet wird. Für die Deutung der Diskussionsbeiträge und der politischen Zusammenhänge ist es für den Leser sinnvoll, sich über die Partei- und Regierungsstrukturen der DDR ausgiebig zu informieren, um über die Verknüpfungen der Ämter und der Personen die Redebeiträge nachvollziehen zu können. Das Politbüro des Zentralkomitees der SED war „das eigentliche Machtzentrum der DDR“. Zu den Mitspielern zählen die Hauptagitatoren des ZK der SED, z.B. HERM ist Joachim Hermann, Sekretär für Agitation und Propaganda, HERG ist Kurt Hager, er galt als Chefideologe der DDR, BALZ resp. Lamberz unterstanden die Pressemedien der DDR, sein Ressort gab der Presse den festgelegte Formulierungen und den Wortlaut von Überschriften vor. In vielen Fällen hat jeder der Amtsträger mehrere Funktionen in Staat, Partei und Gesellschaft bekleidet. Damit gehörten sie zur Nomenklatur, der langen Liste der Amtsinhaber in der DDR, die immer länger wurde.

 

Kybernetik und das Nationale Ökonomische System


Dem Manuskriptmodell der Kybernese entspricht als Wissenschaft die Kybernetik: Unter Kybernetik wird die Wissenschaft der Steuerung und Regelung von Maschinen, Menschen und sozialen Organisationen verstanden. Der 1974 verstorbene Philosoph Georg Klaus galt als Wegbereiter der DDR-Kybernetik. Zuerst wurde die Kybernetik von Ulbricht gefördert, weil sie auch in der Sowjetunion Vorbild war, die Methode wurde von 1962 bis 1967 im Nationalen Ökonomischen System (NÖS) verankert, geriet dann ab 1969 in Misskredit, weil einige ihrer Vertreter sich am Prager Frühling beteiligt hatten, und weil Klaus einen Bezug zur Spieltheorie vertreten hatte, der nicht ideologisch hergeleitet wurde. Chef-Kybernetiker Georg Klaus veröffentlichte in den Folgejahren viele Publikationen zur Kybernetik, u.a. auch ein Wörterbuch zur Kybernetik. Motiv 6 : Sozialistische Spieltheorie Sein bereits angesprochenes Buch zur Spieltheorie erregte schon 1969 Kritik vor allem von Seiten der DDR-Polit-Prominenz, die ihre Führungsrolle oder die der Partei in Gefahr sahen. Nach dem Aufstand in Prag entwickelte sich eine anti-kybernetische Wende, die bei der Machtübernahme Honeckers auf dem achten Parteitag zu einer offiziellen Abkehr von der Kybernetik führte. 1971 wurde dann das von Hager und Apel entworfene Modell des Nationalen Ökonomischen Systems zur Planung und Lenkung (NÖSPL) umbenannt in Ökonomisches System des Sozialismus (ÖSS).

Wenn man diese detaillierten Partei- und Funktionsverzahnungen als Leser vorher recherchiert, kann man die Diskussion im Lesespiel auf verschiedene Weise interpretieren, z.B. wie in der DDR Meinungen gemacht wurden, wie Honecker sich gegen Ulbricht durchsetzte und es zeigt die Selbstüberschätzung von Ulbricht.

Mit der Entthronisierung Ulbrichts wurde auch der Kybernetik-Papst Klaus abgesetzt, denn die bisherigen Perspektivpläne (z.B. die über sieben Jahre von 1959-1965) hatten nicht den ökonomischen Erfolg gebracht, den sie vorher verheißen hatten. Für den Fünfjahrplan 1971-1975 mussten Modifizierungen eingearbeitet werden in Form eines leistungsabhängigen Lohnfonds; gleichzeitig wurde die Bildung eines Prämienfonds entwickelt, bei dem die „persönliche materielle Interessiertheit“ als Hebel für die Leistungssteigerung der Werktätigen genutzt werden sollte. Dadurch würden die DDR-Bürger angeregt, „im eigenen Interesse Leistungen zu vollbringen, die den Erfordernissen der Gesellschaft entsprechen.“