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Lesespiel-Grundstellung

 

In diesem Lesespiel spielt das Fernsehgerät als Medium der Privatheit von Menschen eine große Rolle; das Fernsehen bildet den Rahmen für die literarische Darstellung dieses Lesespiels, d.h. das Fernsehen ist „im Bild“ auf dem PC-Bildschirm. Außerdem wird es - in zweiter Ebene - auch noch in die literarische Gestaltung eingebunden. In der Rahmenhandlung erzählt ein Zuschauer, der vor seinem Fernsehbildschirm sitzt, eine Binnenerzählung, nämlich von einer Theateraufführung, die im Fernsehen spielt und eine vordergründig nichtssagende Geburtstagsfeier mit Familientreffen beschreibt. Dabei treten diverse Tanten auf in gepunkteten, gestreiften, karierten Schürzen, die Sahne schlagen, dazu Nichten und Neffen mit ihren Partnern. Das Theater mit Bühne sieht aus wie ein Wohnzimmer, in der Ehrenloge hängt ein Gemälde, das Regal reicht bis zum ersten Rang, vorn ein meterlanger Fernsehkasten mit üblichen Schaltknöpfen. Auf der Bühne findet dann die erzählte Handlung statt. Während der Handlung geht in der Erzählung das Licht aus, was dann auch am Fernsehgerät passiert, also Handlung und Sendung sind schwarz  – wie es in den Anfängen des Fernsehens in den 60er Jahren noch öfter passierte – nach kurzer Zeit lief der Fernseher und damit die Handlung wieder. Die Fiktion der Binnenerzählung wird immer wieder dadurch gebrochen, dass bei Störungen des Fernsehers (Bildverzerrung, Schwärze) gewaltige Papphände aus dem Orchestergraben (des Theaters) herausreichen und an den Knöpfen des meterlangen Bildschirms drehen. Schließlich greifen diese Hände aber auch in die Handlung ein.

Vorangestellt ist dem Lesespiel ein Gedicht: Das Haustier. Das Haustier im Stall gilt als Synonym für den Menschen im (geschlossenen DDR-)Staat, die Intimsphäre ist die Öffentlichkeit, was sie in der DDR ja war, weil die Staatssicherheit auch in der Intimsphäre der Menschen präsent war durch Wanzen und IMs. Der letzte Satz des einführenden Gedichts lautet „Ich will nichts wissen“. In der Rahmenerzählung erklärt der Fernsehzuschauer die Funktionsweise seines Fernsehers mit all seinen Störungen wie Testbild, Funkenbildern, Verzerrungen und dass er sich darin nun ein Stück anschaut.

Das Theaterstück wird in zwei Akten und sieben Einstellungen auf dem Fernseh-Bildschirm erzählt, der in die Spalten Ort/Zeit, Person/Ding, Handlung / Aktion, Fernsehpraxis, Haustiertheorie eingeteilt ist. Diese Einteilung entspricht der Poetikvorgabe Körners vom vertikalen Ensemblieren: subjekt / prädikat / objekt / praxis / theorie / resultat.

In der Binnenhandlung thematisiert wird als erstes die Broschüre „Selbstschutz gegen Atomgefahr“, aus der eine Passage vorgelesen wird von einer schnarrenden Appellplatzstimme, die nicht in die Handlung gehört, also aus dem „Off“ gesprochen wird.

Diese Broschüre wurde vom Ministerium des Innern, Kommando des Luftschutzes der DDR 1961 in 1. Auflage herausgegeben. Die Aussagen über oder besser aus dieser Broschüre sind im Schriftbild abgesetzt und sind nur mit äußerstem Assoziationsgespür des Netzlesers in verständliche Sätze zu transformieren.

Ebenfalls ist der Dialog der „ersten“ auftretenden Tante, die während des Rauchens spricht, deutlich abgesetzt. Ihre Sätze werden durch lautes Lesen verständlich.

Wie schon im Fragment vom Plan ausgeführt und im Fragment vom Buch Erster Kasten theoretisch thematisiert, will Körner den Leser immer wieder aktivieren zum Ensemblieren und zum bildenden Lesen. Hier sind es gleich mehrere literarische Techniken, die er dazu verwendet.

Obwohl die Handlung insgesamt banal ist, ist die literarische Gestaltung so umfangreich und so ästhetisiert, dass man zu ihrer Beschreibung mehr Seiten benötigt als zur Wiedergabe des realen Geschehens. Dabei handelt es sich schlicht um einen Geburtstagskaffeenachmittag, bei dem verschiedene Familienmitglieder eintreffen, Sahne für die Torte wird geschlagen bis zum Butterklumpen, der sich dann vom Quirl ablöst und hinauf an die Küchendecke schleudert, zwischendurch greift der Neffe zur Atomschutz-Broschüre und die Appellplatzstimme ist wieder vernehmbar. Eine weitere deutungsträchtige Zwischenhandlung ist der Auftritt des Sensenmannes, der den vor zwei Jahren verstorbenen Ehemann der hier wohnenden Tante abholen will. Dies wird als makabrer Scherz der Hausgemeinschaftsleitung bezeichnet, womit zum ersten Mal der Bezug zum Namen des „Lesespiels von der Hausgemeinschaft“ in diesem Stück hergestellt wird, die in der DDR ja als Familienersatz fungiert hat.

Dann wird wieder die Illusion der Binnenerzählung aufgebrochen. Nun werden die Zuschauer im Theater in die Handlung einbezogen, denn es marschieren (personengroße) Liebesknochen, Spritzkuchen, Windbeutel und zwei Kaffeekannen auf sie zu, gleichzeitig erwähnt der Fernsehzuschauer die zwei Hände aus dem Orchestergraben, die sich ein Stück Kuchen vom Wohnzimmertisch stibitzen.

Nun agieren auf der Bühne nicht mehr Tanten und Neffen, sondern Kuchengabeln, Kaffeetassen und Kaffeekannen in Menschengröße – so jedenfalls die Erzählung.

Und genau das thematisiert Körner bis ins feinste „Sprachdetail“:“ Ja, so etwas wie Sprachsehen müßte es geben“. „Eine feine Nase“, die nasaliert das Thema Zusatzrente akzentuiert, „zwei sich ineinander reibende Handteller“, die Syntagmen zum gestiegenen Lebensstandard formulieren. Es sind nicht die banalen Mitglieder der Hausgemeinschaft, die hier ihren Smalltalk führen, sondern Körner führt uns diese nichtssagenden Kaffeklatsch-Gespräche in Form seines „Sprachsehens“ vor. Hochzeitsbilder werden gezeigt, das uneheliche Kind angedeutet (durch „doppellippige Verschlusslaute“), die Tante wird durch die Büffetscheibe gespiegelt erst mit einer Christbaumkugel und schließlich mit dem Staatswappen verglichen.

Schließlich prosten sich alle zu, wobei sogar die Papphände aus dem Orchestergraben mitmachen, was wiederum den Leser und den Fernsehzuschauer vorm Fernsehen daran erinnert, dass alles im Theater stattfindet als Aufführung und nun auch das Theaterpublikum sich zuprostet.

Fazit: Eine banale Handlung wird famos literarisch dargebracht. Körner formuliert selbst: „Die Handlung erreicht den hohen Grad der Erhabenheit am tiefsten Punkt der Verflachung. Die Luft ist raus". Da geschieht in der Rahmenhandlung noch ein weiterer Höhepunkt, während sich im Theater(stück) die Mitglieder der Hausgemeinschaft verabschieden, fällt der Bildschirm im Theater aus, die Papphände kommen abermals aus dem Orchestergraben, schlagen oben auf den Fernseher, der Fernsehzuschauer zu Hause sieht nur noch den unteren Bildschirm, die Papphände schlagen links, das Bild erscheint vierfach wie ein Kaleidoskop, dann schütteln die Hände den Fernseher durch, das Bild steigert sich zu einer televisionären Collage, gleichmäßig über den Bildschirm verteilt, bis die virtuellen Hände die Feinabstimmung an den Knöpfen vornehmen und schließlich das Ganze als Waschmaschine mit 3000 Umdrehungen endet, die Hände nehmen die Wäsche raus und – es wird hell, die Bühne ist leer.

Zwischen Text und technischer Ausführung im Internet steht das Manuskriptmodell, das Körner bei diesem Lesespiel als Domesterium bezeichnet.

Der Autor gibt in der Modellvorstellung des Domesteriums eine Einführung in sein Lesespiel: Er hat die Bildfläche des Fernsehens in Formulare aufgeteilt, die vertikal, horizontal oder in beide Richtungen, dann aber auch Teilflächen (geknickter Bildschirm) betreffen können. Daraus ergibt sich die Anordnung des Texts auf dem Bildschirm. Erzählt werden Bildpunkte, aus diesen gebildete Bildlinien sowie von diesen umschriebene Bildflächen in der Bewegung (Ondulation), so dass sich Unschärfe, Verschattung und Überlagerung ergeben.

Inhaltlich erläutert Körner dazu:

Wie die Welt durch die vier Elemente, war dieser Staat beschreibbar durch vier prinzipielle Nötigkeiten. Eine war die von Angriff und Verteidigung –
anders konnte sich dieser Staat sich selbst nicht vorstellen. Die Dialektik von Angriff und Verteidigung verkörpert in idealer Staa-tik das Haus-Tier als
Staatsbürger. Es ist domestiziert durch Atombombe und Fernsehen.

Aus der Broschüre heraus vorgelesen, wird die atomare Bedrohung geschildert, eine Appellplatzstimme liest die Abwehrmaßnahmen in einer Hausgemeinschaft vor. Es hört nur keiner zu. Es gibt keine Schlagsahne, weil der Staat alle seine Kräfte auf die Verteidigung konzentrieren muss. Das Haustier ist trotz atomarer Bedrohung nicht bereit, auf die Schlagsahne zu verzichten.

Körner deutet damit an, dass jeder Mensch, auch im Sozialismus, zuerst an sich denkt und nicht an die Allgemeinheit.
Zum Thema Hausgemeinschaft bleibt noch zu ergänzen, dass in der DDR ein Hausbuch geführt wurde, ein Buch für jedes Haus, das alle Bewohner auflistet, die darin wohnen oder mehr als 3 Tage zu Gast sind.

Eine sogenannte Hausgemeinschaftsleitung (HGL) führte dieses Buch und vertrat das (Haus-)Kollektiv nach außen bzw. beherrschte es nach innen; die HGL war meist Parteimitglied und entsprechend von der Partei ausgebildet zur Leitung und damit zur Lenkung des Privatlebens.