von Ute Fischer

 

Ideologie-Staat im Internet  – Was heißt das bei Thomas Körner?

 

Die Bundesrepublik Deutschland ist ein Rechtsstaat, d.h. sie basiert auf dem Rechtsprinzip. Dies impliziert nach dem Gesetz Gerechtigkeit für jeden einzelnen Bürger. In einem Ideologiestaat wird dagegen die Ideologie zum Prinzip erhoben. In der DDR war die Ideologie des Sozialismus/Kommunismus herrschendes Prinzip. Thomas Körner bezieht sich in seinem Vorwort, dem Robusten Mandat für den Leser, explizit darauf, dass er in seinem Roman die Ideologie der DDR meint. Der Deutschen Demokratischen Republik war nicht an der Gerechtigkeit für den Einzelnen gelegen, sondern – nach sozialistischer Denkart – an der Gerechtigkeit für die Gesamtheit, die Gesamtheit aber war der Staat und dahinter stand die Regierung bzw. die Partei, im Falle der DDR also die Sozialistische Einheits-Partei SED. Körner greift in seinen Fragmenten Elemente der Ideologie auf und versucht, ihre charakteristischen Eigenschaften anhand verschiedener Ideologie-Motive und Stilmittel in literarische Bilder und poetische Sprache umzusetzen. Diese Eigenschaften der Ideologie betreffen z.B.

Körner verarbeitet seine kleinen "satyrischen" Hiebe in den sogenannten Lesespielen, in denen er jeweils spezifische Eigenarten der DDR-Ideologie aufgreift und in Spielform, z.B. als Fernsehsendung, Brettspiel oder Ampelschaltung darstellt:

Wie tief Körner in die Denkstrukturen der DDR eintaucht, erläutert Joachim Walther in seinem Nachwort zu dem Fragment von der Weltanschauung, das 2007 in der Büchergilde im Rahmen der „verschwiegenen Bibliothek“ herauskam:

Diesen glühenden Kern [gemeint ist die Utopie des Kommunismus, Anmerkung der Verfasserin], der über Jahrzehnte das Leben von Millionen Menschen beherrscht und epochale Illusionen sowie gigantische Verbrechen hervorgebracht hat, mit allen Mitteln der Kunst aufzubrechen und in seine Teile zu zerlegen, um das historisch relativ lange Funktionieren dieser auf Untergang programmierten Teil-Welt zu verstehen, zu erklären und in seiner projektiven Strahlkraft zu dekonstruieren, war das erklärte Anliegen des Autors als einem der hineingeborenen Insassen des geschlossenen Systems, das er, nachdem er es geistig verlassen hatte, auch physisch verließ und dennoch dabei blieb: als literarischer Analytiker der zur Diktatur verkommenen Utopie, ihrer Sprache und Ideologie.

Körner erwartet von seinen Lesern, dass sie mitdenken. Dies beschreibt er in seinen Fragmenten als das "Ensemblieren". Ebenso wichtig ist ihm die Ästhetik, z.B. der eigens für seine Fragmente entwickelte Dreisprung in der einführenden Bild-Symbolik.