Der 1942 in Breslau geborene Schriftsteller Thomas Körner wurde mit Arbeiten für das Musiktheater bekannt, darunter Libretti für Opern von Friedrich Goldmann, Paul Dessau, Kurt Schwertsik und Adriana Hölszky. Sein monumentales Hauptwerk Das Land aller Übel sprengt die Grenzen der Buchform: es ist Karteikartensystem, Wortinszenierung, Lesespiel, dramatisierter Essay und mehr. Die Netzpublikation in der Reihe Acta litterarum geschieht in Zusammenarbeit mit dem Autor und dient der multimedialen Präsentation eines literarischen Epochenversuchs, der sich Robert Musils Mann ohne Eigenschaften und Arno Schmidts Zettels Traum an die Seite stellt.

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Das Körner Projekt entstand im Rahmen von Forschungen an der Fernuniversität in Hagen unter dem Titel Netzbasiertes Schreiben und Publizieren: Modellprojekte und Fallstudien (1999 bis 2015), aus denen unter anderem das virtuelle Autorenseminar Grabbe hervorging. Erforscht werden sollten Möglichkeiten literarischen Schreibens im digitalen Medium mit dem Ziel, Schreib- bzw. Lesemodelle zu entwickeln bzw. umzusetzen, die einer Ästhetik der Netzkommunikation genauer entsprechen als das mittlerweile allgegenwärtige elektronische Buch. Sie führten damit Überlegungen fort, die durch die – schließlich kommerziellen Zwängen geopferte – experimentelle Netzliteratur der 1990er Jahre angestoßen worden waren. Im Mittelpunkt des Projekts stand und steht die Netzedition von Thomas Körners ›Fragmentroman‹ Das Land aller Übel. Es begann im Jahre 2009 mit der Verabredung zwischen Autor und Herausgeber, das zu diesem Zeitpunkt noch unvollendete Werk im World Wide Web öffentlich zugänglich zu machen. Die Publikation sollte sich weder an existierende digitale Formate (eBook, Archiv etc.) noch an die formalen Experimente der frühen Netzliteratur anlehnen. Körners Fragmentroman ist von Beginn an, also seit den Sechziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts, auch als eine mediale Recherche angelegt, als Roman auf der Suche nach einer nicht mehr buchförmigen Präsentationsform, sei es als Happening, sei es als Fernseh-Ereignis und -Utopie, als Verzettelungsapparat oder als Lesespiel auf erst zu realisierenden Apparaturen. Der Netzpublikation fällt die Aufgabe zu, diese in ihrem jeweiligen historischen Umfeld utopisch anmutenden Präsentationsphantasien im virtuellen Medium abzubilden und damit – und zwar zum ersten Mal – zu realisieren. Sparsamer Einsatz der digitalen Mittel und Verzicht auf Netzdesign in einem dem Werk äußerlichen Sinn gehören zu den Grundvereinbarungen des Projekts.  

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An den Stadien der Veröffentlichung lassen sich Elan und Schwierigkeiten des Unternehmens ablesen. Als Ergebnis erster, tastender Versuche erscheint zunächst das Fragment vom Staat (2009), eine Sammlung von Lesespielen, die den ideologisierten Alltag der DDR modellhaft in vier prägnanten Gemeinschafts-Konstellationen vorführt: der sozialistischen Hausgemeinschaft (1), dem im Politbüro der SED ausgetragenen Kampf um die Macht im Staat (2), der medialen Inszenierung der Feiern zum ersten Mai (3) sowie dem Ritual des Staatsbesuchs aus einem sozialistischen Bruderland (4). Begriff und Praxis des Körnerschen Lesespiels geben einen typischen Einblick in die Medienkonzeption dieses Autors. Im Spiel um die Hausgemeinschaft etwa erscheint letztere in einem Medium, das sie in der Realität als Adressaten vereint: im Fernsehen. Auf einer zweiten, mit Bühnenelementen angereicherten Ebene gerät das Fernsehgerät selbst in den Fokus der Wahrnehmung. Allerdings bleibt die Bühne virtuell (auch wenn man sich eine Theater-Aufführung des Lesespiels unschwer vorstellen könnte): sie gehört zum imaginären Inventar des auf sparsame Visualisierung und flächige Textpräsentation setzenden Netz-Spiels.

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Zu den Lesespielen hat Körner, abweichend von den restlichen Teilen des Fragmentromans, sogenannte Manuskriptmodelle entwickelt. An ihnen lässt sich ablesen, dass der Autor in unterschiedlichen Spieltypen denkt. Das Domesterium als Manuskriptmodell des Spiels von der Hausgemeinschaft ist nach Art eines Brettspiels konstruiert: eine vorgestellte Mattscheibe (technisches Kernstück des sogenannten Röhrenfernsehers) als gerastertes Spielfeld, auf dem von den Zuschauern nach dem Vorbild diverser Brettspiele – auch Fußball und Tennis werden erwähnt – mit den eingetragenen Texten gespielt werden kann. Das Beispiel zeigt, dass die Spiele des Lesens fallweise im Kopf der Lesenden stattfinden müssen und keineswegs durch alternatives Drücken von Buttons abgebildet werden können. Dennoch spielt, wie nicht anders zu erwarten, die spielkonforme nicht-lineare Verlinkung von Textelementen für den weiteren Fragmentroman eine, vielleicht sogar die entscheidende Rolle.

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Körners Fragmentroman setzt auf eine Vielzahl von Lektüremodellen, von denen die der Lesespiele nur einen kleinen Ausschnitt repräsentieren. Das jeweilige Manuskriptmodell, im Roman explizit dargestellt oder nicht, kann als Lektüreanleitung betrachtet werden, wenn darunter nicht etwa ein vorgegebener Verständnisrahmen, sondern ein Spielvorschlag verstanden wird. Ein solcher Spielvorschlag ist das sogenannte Ensemblieren als Verfahren, die Karteisysteme des Fragments vom Buch lesend zu erschließen. In diesem Fall wird besonders sinnfällig, dass der Abschied von der Linearität der Lektüre einerseits die Befreiung der Lektüre vom autoritativen Gestus auktorialer Weltbeschreibung betreibt, andererseits die Verbindlichkeit des Geschriebenen keineswegs in Frage stellt: es gilt das geschriebene Wort. Das Spiel nach Regeln hat die Aufgabe, den Leser einerseits selbst verantwortete Lektüreentscheidungen treffen zu lassen, andererseits eine wahlfreie, blind selbstreferenzielle Lektüre zu verhindern.

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Es sollte nachdenklich machen, dass gerade das Fragment vom Buch nachdrücklich die Befreiung vom Buch als Medium des Schreibens und der Lektüre formal und inhaltlich zum Inhalt hat. Karteisysteme als Mittel bürokratischer Verwaltung und Herrschaft besitzen eine lange Vorgeschichte, die unter anderem daran erinnert, dass Bücher über lange Zeit als Mittel der Erfassung und Fixierung von Bevölkerungen und Ressourcen fungierten. Entscheidend ist, wer die Karteien führt, wer Zugang zu ihnen besitzt und nach welchen Regeln sie ausgelesen werden. Das freie Ensemblieren des Lesers erweist sich in diesem Zusammenhang nicht als freie Sinnstiftung, sondern als gegensouveräne Sinnaufdeckung durch den Leser: als Prozess der Freilegung von Zusammenhängen, die in der linearen Lektüre verborgen bleiben und sich allenfalls dem professionellen Interpreten erschließen. Es kann daher nicht Aufgabe der Netzedition sein, die Souveränitätserklärung des Lesers durch Sinnsuggestionen neuer Art zu verdunkeln. Die digitale Editionstechnik darf die postulierte Lesefreiheit mit den ihr eigenen Mitteln unterstützen, sie darf sie nicht in Schematismen zwängen, die der Sache der Texte äußerlich sind oder die Tendenz haben, sie zum Verschwinden zu bringen.

 

Ulrich Schödlbauer