Fragmentroman

 

Fragment vom MenschAngesichts der Fülle existierender DDR-Romane verdient festgehalten zu werden, dass Das Land aller Übel kein Roman über die DDR ist. Das liegt zum einen daran, dass die Bezeichnung 'Fragmentroman' nicht umstandslos auf einen Roman deutet, jedenfalls nicht in dem Sinn, in dem sie in der Regel gebraucht wird. Ein Roman besteht aus Wörtern, Sätzen, Kapiteln, gelegentlich Bänden oder Büchern (wie Goethes Wilhelm Meister), er bedient sich einer linearen Erzählweise (gelegentlich auch nicht, dann handelt es sich um einen sogenannten experimentellen Roman), vor allem besitzt er einen Plot und einen, gelegentlich mehrere Erzähler als unerlässliche Vermittlungsinstanz zwischen Leser und Erzähltem. Nichts dergleichen findet sich in Körners Roman aus Fragmenten, neun an der Zahl, deren fragmentarischer Charakter wiederum weder auf ein liegengelassenes noch aus dem einen oder anderen Grund bewusst unvollendetes Werk deutet. Wenn die neun Bestandteile des Fragmentromans als Bruchstücke eines Romans begriffen werden müssen, dann kann damit wohl nur ein ungeschriebener Roman gemeint sein. Um was handelt es sich dann?

Die Bezeichnung 'Fragmentroman' zielt erkennbar nicht auf eine Gattung, sondern auf ein allgemeines Formproblem, das da lautet: wo, an welcher Stelle innerhalb des ästhetischen Prozesses, der vom ersten Einfall des Autors bis zu dem Zeitpunkt reicht, an dem sich der letzte Leser mit einem sentimentalen Seufzer von der Lektüre verabschiedet, um sich anderen Gegenständen zuzuwenden, entsteht der Roman? Körners Antwort ist noch immer ebenso gewöhnungsbedürftig wie stringent: der Roman entsteht mittels der Lektüre im Kopf des Lesers, alles, was der Schriftsteller dazu beitragen kann, sind sinnreich, das heißt in zweckmäßiger Fassung dargebotene Fragmente eines möglichen Romans, an denen die Vorstellungsarbeit des Lesers in Gang kommt. Ein Schriftsteller, der sich dieser Tatsache bewusst ist, tut also gut daran, gar nicht erst als Autor-Erzähler in Erscheinung zu treten, sondern von seinem Vorschlagsrecht Gebrauch zu machen und die Ausführung - oder die Fülle denkbarer Ausführungen - den Lesern zu überlassen.

Was den Begriff des Fragments in diesem Zusammenhang fruchtbar macht, ist seine Indifferenz: er lässt sich ebenso auf das Bruchstück einen untergegangenen Ganzen - oder größeren Stückwerks - wie auf das Relikt eines niemals zur Gänze ausgeführten Plans beziehen. In beiden Fällen steht der Betrachter vor einem Rätsel. Das vorhandene Bruchstück verlangt nach Ergänzung,  nach Rekonstruktion des Ganzen im Geiste beziehungsweise in der Vorstellung, wenn nicht auf dem Papier oder, im äußersten Fall, im Gelände. In demselben Maße, in dem das Rätsel den Betrachter in seinen Bann schlägt, muss es, so oder so, gelöst werden - sei es intuitiv und ad hoc, sei es in langer, mühseliger Rekonstruktionstätigkeit. Es gibt keinen anderen Weg, sich von ihm zu befreien, es sei denn das Vergessen, das keine sichere Gewähr gegen die Wiederkunft bietet.

Das Fragment besitzt die Fähigkeit, zugleich eine Vergangenheit und eine Zukunft zu erschaffen, genauer, ein Ganzes, das niemals existiert hat, es sei denn in den Planungen untergegangener Machthaber, aber so hätte existieren können und vielleicht realiter so in den Köpfen ganzer Bevölkerungen existiert hat, die Teil dieser Planungen waren - teils verplante Objekte, teils an der Ausführung beteiligte Mit-Täter. Es ist daher, literarisch gesehen, ein ideales Transportmittel, um den durch Mauerbau und Todesstreifen zur Verschlusssache deklarierten Staatssozialismus der Sechziger Jahre einer Leserschaft aufzuschließen, die, der Schleiertänze privater Erinnerungsmatadore müde, wissen will, wie es ist, für und gewissermaßen in einer Zukunft zu leben, von der schon entschieden ist, dass sie niemals eintreten wird, weil die zu ihrer Herbeiführung verwendeten Mittel dies zuverlässig verhindern. Dieser Sozialismus ist selbst Fragment, und zwar in zweifacher Hinsicht: ein durch Selbstabgrenzung aus dem Zusammenhang der europäischen und nichteuropäischen Welt herausgebrochenes Teil-Stück der Menschheit und Relikt einer prognostizierten und aktiv betriebenen Menschheitsentwicklung, die irgendwann auf ihrem Zug in die Zukunft entgleist ist. Die Mühsal des Lesers, aus den dargebotenen Fragmenten das Ganze, wie es vermutlich wirklich war, für sich erstehen zu lassen, wiederholt also in gewisser Weise die Mühen seiner ehemaligen Bewohner, das defizitäre Dasein täglich zu einem imaginären Ganzen zu ergänzen, um es im lebbaren Bereich zu halten.

Das Land aller Übel - ein solcher Titel klingt ironisch und muss es auch. Wenn es eine Menschheitserfahrung gibt, dann die, dass jedes Übel sich über kurz oder lang als steigerungsfähig erweist. Das Übel ist so übel nicht: für die härtesten Erfahrungen steht ein anderes Vokabular zur Verfügung. Nichts ist so leicht an der Wurzel zu kurieren wie die sogenannten Menschheitsübel, deren jedes für eine entgangene Annehmlichkeit steht - allerdings nur in Gedanken, denn in Wirklichkeit erweisen sie sich als unausrottbar. Das Land aller Übel ist daher notgedrungen identisch mit dem entgangenen Paradies, auf das die Macher der Geschichte einen verbrieften Anspruch zu haben glauben. Als Paradiesbericht muss der Fragmentroman von seinen Lesern erwürfelt, erspielt, ensembliert, entziffert, erlacht und errätselt werden, um jenes Minimum an innerer Glaubwürdigkeit zu erreichen, ohne das kein Paradies denkbar ist, selbst das verlorenste. Jeder hat hier die Pflicht, sein persönliches Wie gewonnen so zerronnen neben die Tür zu schreiben, die man nur einzeln und rückwärts durchschreitet.

-U.S.-