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»Hätte ich zu wählen zwischen der Bestseller-Produktion eines Jahres und Thomas Körners ›Fragmentroman‹ Das Land aller Übel, ich würde letzteren vorziehen ... und, wer weiß, vielleicht nicht nur einer Jahresproduktion. Hier finde ich die notwendige Selbstbefragung des Subjekts inmitten einer Welt aus Weltanschauung, einer Welt aus Phrasen, die täglich die Socken hochziehen und sich an ihre Arbeit begeben: die Welt zu verändern. Die Welt verändert sich, das ist wahr, insofern haben wir es hier mit einer Rotte von Angebern zu tun, die unfähig sind, sich selbst zu ändern. Deshalb gehen sie ja ›an die Arbeit‹. Wer glaubt, diese Dinge seien mit der DDR gestorben, sollte sich gleich den Figuren der Befragung beigesellen – als siebzehnte. [...]

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Nochmals Körner: Fragment vom Mensch. Nichts beeindruckt den schreibenden Menschen mehr als die Wiederherstellung eines Manuskripts, das bereits dem Schnitzler zum Opfer gefallen war, weil es den Augen der lesenden Menschheit entzogen werden sollte. Er sieht darin eine Bestätigung seiner Aufgabe, seiner schriftstellerischen ›Position‹ zwischen einer vergangenen und einer zukünftigen Welt (das ausgespannte Seil Zarathustras ganz ohne Übermensch). Mit dem Manuskript werden die Machenschaften der Vergangenheit lesbar und sie erweisen sich als Manipulationsversuche an der Zukunft – abgebrochen, versandet, vor der Zeit beendet und ›begraben‹, denn ›soviel Zukunft war nie‹.

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Körner, zum dritten: Fragment vom Buch. Diese Idee, ein Buch auf Karteikarten zu schreiben, ist nicht neu. Es handelt sich aber um etwas anderes: das System aus Karteikästen, EGSS genannt, ist das Herzstück einer schriftstellerischen Systemerfassung, die sich nicht in die Karte zurückschrecken lässt, sondern inszenatorischen Raum beansprucht. Die Karteikarte verrät dem kundigen ›Ensemblierer‹, woran er ist – in der Lektüre, im Leben, wo auch immer. Vor allem aber: im System. Der Karteikasten ist also eine Art Arbeitsbuch für den Leser, bei Bedarf zu konsultieren, um die Bedingungen zu verstehen, unter denen das Ganze erschrieben wurde, sowie die strategischen Entscheidungen, die getroffen wurden, um dem Sog der kurrenten Auffassungen und ihren massiven Lebensfolgen zu entgehen. [...]

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Man stelle sich vor, das mühsam um Anerkennung ringende Ostberlin der Sechziger Jahre wäre durchsetzt gewesen mit Text-Zeichen à la Körner: ein Archipel aus Installationen und den zugehörigen Happenings, eine Stadt, die das beste Gut ihrer Bewohner, ihre Hintergedanken, ihre Skepsis, ihre Ironie, ihre hier und da noch immer anzutreffende Weltläufigkeit nicht versteckt, sondern nach außen gekehrt hätte – Ende der Ängstlichkeit und der real grassierenden Angst, ein flanierender Geist der permanenten Revolte, ein Leben im Wissen um die Zerbrechlichkeit aller Lebensformen und ihren Wunsch nach Bewahrung ... gut, man kann sich das einfach nicht vorstellen, aber in diesen Bildern und Texten ist es doch einen Augenblick nah. Sehr verdächtig.«

 

Ulrich Siebgeber, Erregt euch! In: Globkult 11.8.2012