Thomas Körner: Das Land aller Übel»Wer das Werk dieses Dichters verstehen will, benötigt mehr als die oberflächliche Kenntnis oder eine durch eigenes Erleben geprägte Innensicht der untergegangenen DDR. Vor allem benötigt er eine klare Trennung von Dichtung und literarischem Feuilleton. Das Wort ›Dichtung‹, seit mehreren Jahren im Deutschen verpönt, bezeichnet ein eigenes Weltverhältnis, an das keine Kritik und kein Unterhaltungswunsch zu rühren vermag. Körner schreibt nicht – vor allem nicht augenzwinkernd – gegen eine Praxis an, die mit dem östlichen System und dem mit ihm verbundenen Staat untergegangen ist. Ebenso wenig handelt es sich um eines der obligaten Erinnerungswerke, die allenthalben den häuslichen Bücherschrank schmücken. Das Land aller Übel ist der groß angelegte Versuch, ein geschlossenes System nach Maßgabe seiner existentiellen Prämissen im dichterischen Medium wiedererstehen zu lassen: als Verwirklichung einer endlich gewonnenen humanen Praxis am Ende und inmitten der langen Folge von Unterdrückungen, Ungerechtigkeiten und Ungleichheiten, die nach den Klassikern die bisherige Geschichte der Menschheit ausmachte. Die ›eingemauerte‹ DDR zwischen Mauerbau und gewaltsamem Ende des Prager Frühlings erscheint darin als eine vollkommen ernst zu nehmende Spielart des irdischen Paradieses. Der Abgrund zwischen Paradieserzählung und -realität wirkt wie eine Bühne für etwas, das sich wohl am ehesten als wirkliche Unwirklichkeit bezeichnen ließe: jene komplexe Choreographie sprachlicher, seelischer und pragmatischer Verrenkungen, die das System eine Zeitlang als lebbar erscheinen lassen und an die sich anschließend niemand erinnern lassen möchte. Thomas Körners ›Fragmentroman‹ ist vielleicht das klügste, sicher das distanzierteste Werk über die realsozialistische Wirklichkeitsverweigerung in deutscher Sprache. Die Verweigerung zeigt sich ebenso mental wie praktisch, in den aktiven Organen des Staates und seiner speziellen ›Sicherheit‹ wie in seinen keineswegs ›passiv‹ zu nennenden Bewohnern. Auch so leben Menschen – in diesem schwierigen Satz ist die parabolische Bedeutung des Paradiesberichts in jenem doppelten dialektischen Sinn aufgehoben, der die Dialektik selbst in seinen Strudel zieht: Sie leben auch, also keineswegs paradiesisch, und: je paradiesfixierter, desto fluchtbereiter.«